Von E. A. Greeven

Lappland ist groß und die Lappen sind klein. Klein wie der kümmerliche Baumwuchs jenseits des Polarkreises. Jeder Mensch wird klein vor der ungeheuren Weite und Einsamkeit des Landes. Ich weiß nicht, ob sich inzwischen dort viel geändert hat; damals – vor 25 Jahren – gab es weder Wege noch Wegweiser noch Brücken. Bäche und Flüsse durchwatete man barfuß und aufgekrempelt und schlief, wenn man Glück hatte, in einer verlassenen Lappenhütte. Im Gebiet des schneebedeckten Kebnekaise und beim Somaslaki-Gletscher stand wohl eine Stuga, ein steinernes Unterkunftshäuschen, von Svenska Turistföreningen. Da fand der Wanderer vor, was er brauchte, und schrieb in ein Buch, was er entnommen hatte, aber auf einen Menschen stieß man dort höchst selten. Alles ging auf Treu und Glauben und auf spätere Abrechnung in Stockholm. Es soll Glückliche gegeben haben, die aus der Ferne an sonnigen Tagen bei den Felshängen des Kebnekaise eine Bärenmutter mit ihren Jungen spielen sahen – ich bin dort oben noch nicht einmal einem Menschen begegnet.

Ich strolchte am Karsavaggejock entlang, der in den Abiskojock fließt und mit ihm vereint in den Tornesee mündet. Ich ruhte mich auf einem kugeligen Granitblock aus und ließ den Blick über die Schneeplacken des nächsten Fjälls schweifen, als über seinem Kamm ein Mensch auftauchte, der mit behenden Schritten zu Tal strebte. Ein komischer Mann in Breeches und mit Rucksack: schlank, fast zart gebaut, mit eleganten Bewegungen, wie er Ja von Stein zu Stein über nacktes Geröll balancierte. Ich stand auf und ging ihm entgegen. Auch die Einöde hat in Schweden ihr höfliches Zeremoniell. Da rief er mich an, und es war die Stimme einer Frau, die Stimme einer jungen Dame mit lustigen Augen. Sie fragte mich auf schwedisch, das noch fehlerhafter war als meines, in welcher Richtung Abisko läge und wie weit es noch bis dort wäre. Ein paar Stunden nordöstlich. In Lappland zählt der kleinste Spaziergang vier Stunden, ein bescheidener Ausflug dauert drei Tage. Da wir uns nach dem schwedischen Debüt gegenseitig für Engländer hielten, erfolgten weitere Auskünfte in Shakespeares Sprache, bis wir zu der Erkenntnis kamen, daß es für eine Österreicherin und einen Deutschen doch wohl klüger sei, die Unterhaltung in Deutsch fortzusetzen. Die unternehmende junge Frau kam über die Fjälls von Narvik daher, wollte noch den Erzberg von Kiruna sehen und dann, nordisch erfrischt und aufgemöbelt, zu ihrem Gatten zurückkehren, der irgendwo in den Karpaten auf einem Waldgut saß und Wölfe schoß. Das alles erzählte sie mir, während wir aus ihrem Rucksack einen Kocher und Hartspiritus hervorzerrten, ich zwei Beefsteaks auf der Felsplatte bis zur Bewußtlosigkeit weich klopfte und sie einen Zitronenauflauf fabrizierte, der den ganzen Hartspiritus verbrauchte, so daß wir die Beefsteaks roh verzehren mußten.

Dann zogen wir nach Abisko am Torneträsk, wo der geräumige Holzbau des kultivierten Turist-Hotels die Riesenfläche des neunzig Kilometer langen Sees überschaut und seine Gäste mit molligen Bädern und mächtigen Holzklötzen im lodernden Kamin empfängt. Die Holzklötze müssen von weither kommen, denn in Lappland wachsen sie bestimmt nicht.

Unter den wenigen Gästen, die außerhalb des Hotels sofort zu Nullpunkten im unendlichen Raum verschwanden, war auch eine Frau in Lappentracht mit der bunten Mütze, den aufwärts gespitzten Lappenschuhen und dem Messer am Gürtel: keineswegs eine "Native", vielmehr aus einer der ältesten Familien Schwedens stammend mit einem sehr schlicht klingenden Namen. Sie hatte eine große Liebe zu Lappland gefaßt, lebte einen Teil des Jahres hier oben und zog wochenlang mit befreundeten Lappenfamilien und ihren Herden von Fjäll zu Fjäll. Außer den Alten sprechen fast alle Lappen auch Schwedisch, denn die Regierung hat bis hoch in den Norden gute Schulen errichtet, und getauft sind sie ebenfalls samt und sonders. Bei einigen betagten Lappen aber schien mir das Christentum nur bis Windstärke 6 oder 7 zu reichen, darüber hinaus wandten sie sich – sicher ist sicher – ganz im geheimen an irgendwelche Mächte, die nicht im Katechismus standen. Alte Leute werden vorsichtig, und letzten Endes gehen alle Gebete der Welt an die gleiche Adresse.

Es ergab sich eines Abends beim Kaminfeuer, daß wir gemeinsame Freunde in Mittelschweden auf dem Lande hatten. So kam es, daß ich 14 Tage später mit Briefen und Grüßen auf einem einsamen, waldumrauschten Herrenhaus anlangte, dessen weißer, breit gelagerter Holzbau mit Seitentrakten aus der Zeit des schwedischen Rokoko oder des Königs Gustav III. stammte. In der überklaren Sternennacht tauchte das weiße Haus aus dem Schwarz der Wälder märchenhaft wie ein verwunschenes Schloß auf. Der Gutsherr, ein in hohen Jahren stehender Graf B., hatte sich schon zur Ruhe begeben und einer der Söhne, der den Holzschlag und die Sägewerke leitete, empfing mich mit der liebenswürdigen Gastlichkeit, die im menschenleeren Norden so angenehm selbstverständlich ist. Jeder Kömmling bringt ersehnte Kunde aus der Welt und wird eine Zeitung von A bis Z gelesen. Ich kenne Familien aus Stockholm, die alljährlich von Dalarne bis Wärmland ihre Kavalierfahrt auf verschiedenen Gütern absolvieren, monatelang weitergereicht werden und überall als Bridgespieler, Toddytrinker und Neuigkeitsträger hochwillkommen sind. Die Lagerlöfschen Kavaliere von Ekeby sind auch heute noch nicht ausgestorben.

Die eigentliche Überraschung aber kam für mich am nächsten Morgen. Zum Frühstück versammelte man sich im großen Mittelzimmer, an das sich nach rechts und links eine Flucht weiterer Wohnräume anschloß. Breite Türöffnungen gaben den Blick nach beiden Seiten ungehindert frei. Es war mir schon am Abend vorher aufgefallen, daß in jedem dieser Räume, die zwischen altmodisch und antik den Stempel stiller Eleganz trugen, irgendwo an der Wand ein Kästchen hing, eine Art hübsch gearbeitetes Schlüssel- oder Apothekerkästchen, wie man sie vor Jahren auch bei uns in der Makartzeit antraf.