Ein neuer Galilei vor Gericht.

In Osnabrück findet in diesen Tagen ein interessanter Prozeß statt, der ein wenig an das Verfahren erinnert, dem sich Galilei im Jahre 1633 vor dem Inquisitionsgericht in Rom unterwerfen mußte. Mit dem Unterschied allerdings, daß die Sachverständigen über das astronomische Problem, welches zur Debatte steht, diesmal nicht Theologen, sondern Astronomen und Physiker sind und daß die Position des Mannes, der in diesem Prozeß den Kampf gegen das gültige astronomische Weltbild aufnimmt, unvergleichlich schwächer ist als die seines großen Vorgängers. Der moderne Galilei ist der 70jährige Osnabrücker Patentanwalt Godfried Bueren. Er hat die Astronomische Gesellschaft verklagt, um vom Gericht die negative Feststellung zu erlangen, daß er einen von ihm ausgesetzten Preis von 25 000 DM nicht an die Verfasser einer von der Astronomischen Gesellschaft hergestellten Preisschrift zu bezahlen braucht. Dem Prozeß liegt folgender Sachverhalt zugrunde:

Bueren, der sich aus Liebhaberei mit Astronomie beschäftigt, lernte die aus dem 18. Jahrhundert stammende sogenannte Herschel-Wilsonsche Sonnentheorie kennen, wonach die Sonne ein fester dunkler Körper und von einer leuchtenden, glühenden Hülle umgeben sei. Durch eigene Forschungen will Bueren bestätigen können, daß die Sonnenflecken in Wirklichkeit nur Löcher in dieser Sonnenhülle seien, durch die man auf den festen Sonnenkörper schauen kann. Die in den Sonnenflecken vorkommenden hellen Linien seien nichts anderes als die Blitze, die bei Gewittern in der Sonnenatmosphäre auftreten. Bueren hält die Sonne für bewohnbar, gibt den Abstand zwischen Sonne und Sonnenhülle mit 252 000 Kilometern an und behauptet, daß die auf der Sonne existierende Vegetation dort die Temperatur hinreichend abkühle – so wie ein Glashaus in der Sonne kühl bleibt, wenn Vegetation darin ist. Die Vegetation erhält sich gewissermaßen selbst, indem sie durch Beseitigung der Strahlungshitze selbst die Bedingungen für ihre Existenz herstellt.

Da die Herschelsche Theorie seit hundert Jahren gründlich widerlegt ist, fand Bueren bei der Wissenschaft mit seinen Behauptungen wenig Gegenliebe, ja, die Fachgelehrten zeigten nicht einmal Neigung, seine Theorie zu diskutieren. Um sie dazu zu gewinnen, setzte Bueren eines Tages zwei Preise von je 25 000 DM aus, den einen für die Widerlegung seiner Theorie, den anderen für den Beweis, daß die in der Wissenschaft jetzt gültige Sonnentheorie, wonach sie ein glühender Gaskörper ist, tatsächlich richtig sei. Zur Entscheidung setzte er selbst ein Preisgericht ein, an dessen Kompetenz nicht zu zweifeln ist, da ihm zum Beispiel der Nobel-Preisträger Werner Heisenberg, der Kölner Ordinarius für Physik, Schäfer, und der Hamburger Rechtslehrer, Professor Fischer, angehören. Jetzt interessierte sich die Astronomische Gesellschaft für den Fall und ließ eine Preisschrift durch den Astrophysiker Professor Siedentopf-Tübingen und den Sonnenforscher, Professor Biermann-Göttingen, ausarbeiten. In diesem Gutachten wird die Buerensche Theorie ausführlich widerlegt. Buerens Behauptungen über die Sonnenflecken seien nicht schlüssig, denn zahlreiche Sonnenflecken gleichen Erhebungen und nicht Löchern. Auch im Zentrum seien die Flecken immer noch so hell, daß man auf eine Temperatur von 4000 Grad schließen müsse; wenn eine solche Temperatur durch die Löcher strahle, dann müsse auf dem 250 000 Kilometer tiefer liegenden Sonnenkern eine Temperatur herrschen, die hunderttausendmal höher sei als die Erdtemperatur, so daß dort eine Vegetation nicht möglich sei.

Dieser Preisschrift erkannte das von Bueren eingesetzte Preisrichterkollegium den Preis zu. Bueren aber sagt jetzt, er erkenne diese Entscheidung nicht an, insbesondere, weil zwei der Preisrichter im voraus schon den Gegnern seiner Theorie angehört hätten. Und deshalb verlangt er jetzt vom Gericht die Feststellung, daß er nicht zu zahlen brauche. Die Astronomische Gesellschaft ihrerseits hat Bueren bisher noch nicht auf Zahlung der 25 000 DM verklagt.

Galilei büßte sein Bekenntnis zum Kopernikanischen Weltbild, das dem geozentrischen System ein Ende machte, mit einem Kerkerurteil des Inquisitionsgerichtes. Die Zeiten sind in solchen Dingen – wenn auch vielleicht nur in solchen – milder geworden. Bueren wird höchstens 25 000 DM zahlen müssen, wenn das Gericht den Nobel-Preisträger Heisenberg für eine stärkere Autorität hält als den Laien-Astronomen Bueren. F.