Fast sah es so aus, als würden wir auch in diesem Jahre nicht um den fast alljährlich fälligen "Kartoffelkrieg" herumkommen. Die in letzter Zeit gegebenen, einander widersprechenden Ernteprognosen haben den Kartoffelmarkt beunruhigt. Auch die niedersächsischen Gewerkschaften wollten eingreifen. Sie schrieben an den Ministerpräsidenten: "Die vergangenen Wochen haben in erschreckender Deutlichkeit gezeigt, daß die Versorgung der Bevölkerung mit den wichtigsten Ernährungsgütern zu angemessenen Preisen nicht mehr gegeben ist. Wir müssen leider immer noch feststellen, daß der Konsumentenpreis bei Kartoffeln bei 10 DM pro Zentner liegt. Die anlaufenden Verkaufsabschlüsse für Winterkartoffeln zeigen uns, daß der Verbraucherpreis für Winterkartoffeln 9 DM und mehr sein wird. Diese Entwicklung ist wirtschaftlich ungesund und untragbar und muß zu sozialen Unruhen führen..."

Das sind gewichtige Worte, und sie wurden gerade zu einer Zeit geschrieben, in der die Preise für Kartoffeln eine sinkende Tendenz zeigen, nachdem sich herausgestellt hat, daß man in Niedersachsen einem der Hauptabgabeländer, mit einer normalen Ernte rechnen kann und daß auch in Bayern die Aussichten nicht gar so schlecht sein werden. Die Erzeugerabgabepreise lagen in Hannover am 23. August zwischen 5,90 und 6,80 DM, fielen dann auf 5,90-6,20 und 5,60 bis 6,20 DM und weiter im September von 5,80 auf 5,65 DM. Zur gleichen Zeit im Vorjahre wurden Preise zwischen 4 und 4,60 DM notiert; der ärgerniserregende Anstieg erfolgte erst Anfang Oktober, als ein (nicht auffindbarer ...) Sprecher in Bonn erklärte, man halte 5,60 DM für angemessen. – Der Verbraucherpreis liegt augenblicklich bei 8,25 DM für den Zentner; (den Erzeugerpreis belasten, nach der Kalkulation des Handels, etwa 60 Pfg für Fracht, 15 Pfg Entladungskosten, 10 Pfg Sackverschleiß, 40 Pfg Abfuhrkosten, 18 Pfg Gewichtsschwund und 35 Pfg Umsatzsteuer).

Daß der diesjährige Preis über dem des Vorjahres liegt, wird einmal auf den angenommenen verringerten Ernteertrag (20–21 Mill. t, gegenüber 24 Mill. t 1951 – für die menschliche Ernährung werden aber höchstens 9 Mill. t Speisekartoffeln gebraucht), dann aber auch auf das Gerede über die Ernteaussichten zurückzuführen sein. Die Gewerkschaften verlangen nun Höchstpreise für Kartoffeln – und für Schweinefleisch (obwohl der Sprecher in Hannover erklärte, auch die Gewerkschaften seien "grundsätzlich" gegen Höchstpreise). Der Zusammenhang zwischen Kartoffel- und Schweinepreis ist oft beleuchtet worden: je höher der Schweinepreis, desto weniger Speisekartoffeln kommen an den Markt, um so höher wird also der Kartoffelpreis. Wenn nun die Gewerkschaften wirklich mit Überzeugung gegen Höchstpreise sind und wirklich ernsthaft ihre neue Rolle auch als Verbraucherorganisation spielen wollen, dann sollten sie ihre Mitglieder so aufklären, daß die anhaltende Nachfrage nach Schweinefleisch zurückgeht. Höchstpreise sind immer ein fragwürdiges Experiment; davon haben sich jüngst auch die Nordamerikaner belehren lassen müssen, als dort die Kartoffeln einer Höchstpreisordnung unterworfen wurden, dafür aber nicht mehr zu bekommen waren – es sei denn auf dem schwarzen Markt. td