Der deutsche Handel mit Südafrika hat in den letzten Jahren einen erfreulichen Aufschwung genommen. Während die Einfuhr aus der Südafrikanischen Union nach Deutschland von 128,6 Millionen DM im Jahre 1950 auf 153,3 Millionen DM im Jahre 1951 anstieg, konnte die Ausfuhr deutscher Waren nach Südafrika von 83,8 Millionen DM in 1950 auf 178,2 Millionen DM im letzten Jahr gesteigert werden. Trotz dieser günstigen Entwicklung unseres Handels mit Südafrika und insbesondere der Steigerung der Ausfuhr kommt der aufmerksame Besucher der Südafrikanischen Union zu der Feststellung, daß damit noch keineswegs alle Möglichkeiten ausgenützt sind, die sich für die deutsche Wirtschaft in Südafrika bieten. Dort vollzieht sich, nicht zuletzt durch den zweiten Weltkrieg ausgelöst, eine wirtschaftliche Entwicklung größten Umfanges, die, auf eine kurze Formel gebracht, das Ziel verfolgt, die große volkswirtschaftliche Lücke zwischen der bisherigen Agrarwirtschaft und den auf den vorhandenen Bodenschätzen aufbauenden Fertigungsindustrien auszufüllen. Dieser Aufbau einer Fertigungsindustrie hat aber in einem Land, das fünfmal so groß ist wie das Gebiet der Bundesrepublik, darüber hinaus noch einen enormen Ausbau in der Verkehrserschließung zur Folge.

Diese Absatzmöglichkeiten werden einstweilen jedoch von der deutschen Wirtschaft noch nicht genügend ausgenützt. Das ist offenbar durchaus nicht die Schuld der Wirtschaftsabteilung der deutschen Gesandtschaft und anderer deutscher Handelsorganisationen, die ihre Tätigkeit in der Südafrikanischen Union Anfang des Jahres 1951 aufnehmen konnten (deren Arbeit hat zweifellos erheblich zur Aufwärtsentwicklung unseres Handels mit Südafrika beigetragen), sondern die Ursache dafür liegt vielmehr bei der Wirtschaft selbst. Dabei kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß häufig eine Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse zu falschen Urteilen führt.

In Gesprächen wird immer wieder ein großes Interesse für die deutsche Qualitätsarbeit betont, und in Verbindung mit dem Streben nach wirtschaftlichen Unabhängigkeit wird eine stärkere Beteiligung der deutschen Wirtschaft am Außenhandel gegenüber dem vorherrschenden amerikanischen und englischen Warenangebot gern gesehen. Allerdings gilt in Südafrika das Gesetz des offenen Marktes mit den günstigsten Preisen und den besten Qualitäten, dem wir uns anpassen müssen. Daß wir diese Chance bis jetzt noch nicht in vollem Umfange zu nutzen wußten, liegt nicht an den hohen Transportkosten, die für Amerika und England kaum viel niedriger liegen, als vielmehr an einigen Fehlern, die von der deutschen Wirtschaft im Handel mit Südafrika, aber auch mit anderen Überseeländern, leider noch immer gemacht werden.

Zu diesen Fehlern gehört in erster Linie der Mangel an Höflichkeit auf deutscher Seite. Wir vergessen zu leicht, daß bei aller Härte des Geschäfts auf dem Weltmarkt die Höflichkeit eine besondere Rolle spielt, weil hier der Grundsatz gilt, daß der Kunde eben König ist. Was nützen denn alle Anstrengungen unserer deutschen Wirtschaftsstellen, wenn sie eine deutsche Firma für Lieferungen im Werte von mehreren hunderttausend Mark in Vorschlag bringen und der südafrikanische Interessent auf seine Anfrage nicht einmal eine Antwort erhält!

Auf der gleichen Linie liegen die zahlreichen Fälle, wo die Qualität der Lieferungen nicht den Mustern entspricht und wo auf Reklamationen nicht geantwortet wird. Oder: daß den südafrikanischen Handelsagenten ihre vereinbarten Provisionen nachträglich gekürzt oder überhaupt nicht gezahlt wurden. Dazu gehören auch die gelegentlich von deutschen Firmen absichtlich verzögerten Lieferfristen, um dadurch höhere Preise zu erzielen. Lange Lieferfristen allein würden uns noch gar nicht schaden, denn auch Amerika und England können heute wegen des Rüstungsbedarfs bei vielen Waren nur mit längeren Lieferfristen anbieten. Der südafrikanische Kunde achtet natürlich darauf, ob die Verzögerungen berechtigt sind oder nicht. Der südafrikanische Markt ist ungeachtet des ungeheuren Tempos der wirtschaftlichen Entwicklung kein Feld für robuste Methoden. Deutsche Firmen, die sich nicht korrekt verhalten, schaden dem Ansehen der deutschen Wirtschaft in einem Umfang, von dem wir uns hier oft keine richtige Vorstellung machen.

Ein entscheidendes Hindernis für den deutschen Handel ist schließlich das Fehlen des Kundendienstes, der "Service". Wer die unendliche Weite des Landes kennengelernt hat, wird sofort verstehen, daß es hier nicht mit dem Verkauf der Waren, besonders bei Maschinen, Motoren, Kraftfahrzeugen und Feinmechanik getan ist, sondern daß die Möglichkeit der Ersatzteilbeschaffung und der Reparaturen durch firmeneigene Kräfte geradezu eine Lebensnotwendigkeit darstellt – ganz abgesehen davon, daß der südafrikanische Kunde lieber mit dem direkten Firmenvertreter als mit dem immer unpersönlichen Makler verhandelt, was von den amerikanischen und englischen Firmen klug berücksichtigt wird.

Wenn die hier kurz skizzierten Fehler vermieden und mehr eigene Vertreter deutscher Firmen nach Südafrika geschickt werden, dann findet auch die deutsche Wirtschaft in der Südafrikanischen Union einen Markt, der noch in einem hohen Maß aufnahmefähig ist und den Einsatz lohnt. Karl Höpfner