Von Christian E. Lewalter

Frankfurt a. M., Ende September

Jeder Leser des "Fragebogens" hätte sich leicht ausrechnen können, daß Ernst v. Salomon, aus dem sprichwörtlichen Jahrgang 1902, am 25. September fünfzig Jahre alt werden würde. Aber so genau rechnen die wenigsten, und niemand hatte eine Feierstunde für diesen unfeierlichsten aller deutschen Schriftsteller vorbereitet, der sich an seinem Geburtstag mit gebrochenem Fuß, aber mit ungebrochener Fröhlichkeit im Haus des deutschen Kunsthandwerks, wo die schöngeistigen Verlage ausstellen, von Koje zu Koje bewegte. Von den vielen improvisierten Glückwünschen, die er einheimste, verdient der schlagfertigste aufbewahrt zu werden: "Es ist ja gewiß ein besonderes Ereignis, lieber Salomon, wenn Sie fünfzig werden, aber daß Sie deshalb gleich eine Buchmesse veranstalten..."

Auch der Verleger des "Fragebogens", Ernst Rowohlt, gehörte zu denen, die für den Spott nicht zu sorgen brauchten. Am Abend vor der Eröffnung der Buchmesse war sein Stand als einziger noch leer: das Lastauto, das die Muster von Hamburg nach Frankfurt bringen sollte, war unterwegs in Brand geraten. Und sofort ging es von Mund zu Mund: "Natürlich, Rowohlts Bücher sind wieder zu heiß..."

Solche Scherze kennzeichnen die Stimmung auf dem Messegelände besser als die schönsten und zuversichtlichsten Ansprachen, die dem Besucher in reicher Fülle geboten wurden; sie zeigen, daß die Zuversichtlichkeit keine freundliche Pose ist, sondern daß das seltsame und kitzlige Metier, das sich Buchhandel nennt, die freimütige Heiterkeit von ehedem wiedergewonnen hat. Das deutsche Buch ist wieder richtig da. Es geht aufwärts mit ihm.

"Börsenverein Deutscher Verleger- und Buchhändler-Verbände E. V." ist der volle Firmenname der Organisation, die das deutsche Buch vor der Öffentlichkeit repräsentiert. "Börsenverein", denn das Buch ist, unter anderem, ja auch eine Ware, und das Gedeihen des Geistes hängt (wie sehr auch immer den Nur-Intellektuellen vor dieser Tatsache schaudern mag), davon ab, ob und wie der Buchmarkt funktioniert. Börse, Messe, Markt – das sind keine Sakrilegien an der Literatur, sondern ihre Bedingungen. Dem Angebot muß eine Nachfrage antworten. Nur Diktaturen können Bücher wie Rezepte verordnen. In freien Ländern sind die Leser keine Patienten, und die Autoren haben nicht Anspruch auf eine Apothekerlizenz. Sie müssen sich auf dem Markt durchsetzen.

Die Frankfurter Buchmesse, die vierte in der Reihe seit 1949, ist ein guter Anschauungsunterricht dafür. Autoren sind egozentrisch; für sie zählt nur das Buch, das sie geschrieben haben (oder schreiben möchten). Auf den Ständen der Buchmesse sehen sie dieses Jahr – der Börsenverein hat’s gezählt – 36 000 verschiedene Bücher, wovon 7500 Neuerscheinungen. Das regt zur Bescheidenheit an und zum Respekt vor den kommerziellen Partnern (Verlegern, Vertretern, Verbeleuten, Sortimentern), die trotz dieses überwältigenden Angebots nicht irre werden in der Überzeugung, gerade dieses eine Buch werde sich verkaufen lassen.