Von Carl Ritter

Die Geschichte des amerikanischen Theaters steckt voll Abenteuer und voller Sucht nach Geld und Gold. Schon die ersten Theaterunternehmer, die selbst ihre eigenen Autoren und Darsteller sind, waren Abenteurer aus England, gewöhnlich Barbiere, die ab und zu den Seifentopf und das Messer mit Perücke und Schminke vertauschten und sich als Schmierendirektoren eine schöne Stange Geld verdienten. Man sollte nicht glauben, daß es diesen Dilettanten möglich war, durch den günstigen Stand des amerikanischen Pfundes als reiche Männer nach dem Mutterland zurückzukehren.

Von da ab schon datiert die Tradition, daß es auf der ganzen Welt keinen Schauspieler oder Sänger mit Namen gegeben hat, der nicht gern amerikanische Stargagen bezogen hätte.

Die wirklichen Begründer der amerikanischen Bühnen waren die Hallams, eine englische, professionelle Truppe, die im Jahre 1751 nach Amerika fuhr und dort mit Dramen und Komödien . von Shakespeare und Londoner Erfolgsstücken das erste richtige Theater spielten. Die Truppe bestand aus Lewis Hallam, seiner Frau, seinen Töchtern und Söhnen sowie engagierten englischen Berufsschauspielern. Sie hatten Künstlerpech, denn das Renommee der Theaterkunst war durch ihre Vorgänger beschmutzt worden. Um den Angriffen religiöser Sekten zu begegnen, die teilweise mit Gericht und Gefängnis drohten, mußte Lewis Hallam, der "Vater des amerikanischen Theaters" genannt wird, hohe Schmiergelder zahlen. Als sich die Truppe mit ehrlicher Kunst endlich durchgesetzt hatte, bekam sie harte Konkurrenz, die ihr schwer zu schaffen machte: eine Virginiatruppe wurde gegründet, ein wanderndes Bostontheater und andre Bühnen. Überall tauchten plötzlich Berufstruppen auf. Man befehdete sich ernstlich, es kam zu abenteuerlichen Schlägereien zwischen den einzelnen Kompanien, und die Chronik berichtet, daß ein Sohn Hallams, während er bei einer Vorstellung auf der Bühne agierte, von einem Konkurrenten durch einen Stoß mit einem harten Stock, der das Auge traf, tödlich verletzt worden sei. Angeblich habe Hallam eine Perücke aus dem Theaterfundus dieses Mörders gestohlen.

Die Abenteuerlust, die um 1800 viele nach dem Westen trieb, füllte die Ochsenkarren nicht nur mit Goldsuchern. Da waren auch Theatertruppen, die die Pioniere auf der Rast unterhielten. Der berühmte Schauspieler Cooper saß mit einer Shakespearekompanie in seinem Planwagen und gab jeden Abend in einer anderen Siedlung Vorstellungen.

Jeder sogenannte Medizinmann hatte ein paar Schauspieler, Sänger oder Musiker bei sich, die-Reklame machten, und während der ambulatorischen Behandlung auf einer Bühne vor dem Zelt das Publikum so ablenkten, daß die Schreie der Patienten nicht gehört wurden.

Noch zu Ende des 19. Jahrhunderts zogen die sogenannten Troopers nach dem wilden Westen. Die mußten Revolver im Gürtel tragen, um sich im Notfall richtig verteidigen zu können. Aber merkwürdig ist, daß da, wo Wildwest am wildesten tobte, wo die Roßdiebe mit neun Pistolen im Gürtel die Gegend unsicher machten, eine enthusiastische Theaterbegeisterung herrschte. Die Leute brauchten ihr Spiel (show) so notwendig wie das Brot. Wenn eine Aufführung war, lebten sie diese von ganzem Herzen mit.