J. H., Paris, Ende September

Jene, die das Pinay-Experiment aus der Nähe beobachteten, waren schon seit langem zu der Überzeugung gekommen, daß die Methoden, die der französische Ministerpräsident zur Stabilisierung der wirtschaftlichen Verhältnisse in Frankreich anwandte, in vielen anderen Ländern einen vollen Erfolg gebracht hätten. Nicht aber in Frankreich. Die jahrzehntewährende Inflation, die Restriktionen und Spekulationen während der Okkupation und in den ersten Nachkriegsjahren, die Preisgarantie, die die Regierung verschiedenen wichtigen Wirtschaftszweigen zubilligte, um die Produktionsausweitung zu begünstigen, haben Sitten, Gebräuche und eine Mentalität entstehen lassen, die mit Appellen zum guten Willen und zur Einsicht nicht zu beseitigen waren. Pinay und seine Berater haben rechtzeitig eingesehen, daß der Weg, den sie gingen, teilweise falsch war.

Der Preisindex war im Mai von 148,1 auf 144,5 zurückgegangen, im Juni auf 143,1, im Juli auf 142,8. Dieser Rückgang war nicht bedeutend, aber er war stetig. Doch Pinay rechnete nicht mit jenen, die gewohnt waren, ihr Geld durch Spekulationen zu verdienen. Diese Spekulationen betrafen nicht Gold oder Devisen (sie üben offensichtlich gegenwärtig weniger Anziehungskraft aus), vielmehr begann man auf dem Nahrungsmittelmarkt zu spekulieren. Es genügte, daß in einigen Gebieten die Maul- und Klauenseuche ausbrach und daß da und dort die Trockenheit das Grünfutter rar – machte, um die Preise für Milchprodukte ansteigen zu lassen. Die Milchversorgung wurde gestoppt, die Butterpreise schnellten in die Höhe, ebenso die Käsepreise. Die Folge davon war das Ansteigen der Lebenshaltungskosten. Mit ihnen stieg der berühmte Index, auf den der Ministerpräsident besonders achtet, weil er an einem bestimmten Punkt – wenn er nämlich die Ziffer 149,1 erreicht – automatisch auf Grund des Gesetzes über die geleitende Lohnskala die Erhöhung der Mindestlöhne auslösen würde. Lohnerhöhungen wären aber gleichbedeutend mit dem Fiasko seines Experiments.

Im August stieg infolge der Hausse der Milchproduktionspreise der Index auf 144,8. Die Differenz bis zu dem Preisindex, an dem die Erhöhung der Löhne eintreten muß, betrug nun nur noch 3 v. H., und selbst der Mann auf der Straße, der nicht viel von Nationalökonomie versteht, weiß, daß im Herbst verschiedene Nahrungsmittel infolge einer Reduktion des Angebots im Preise anziehen. Die 3 v. H. mußten in den nächsten vier bis sechs Wochen automatisch erreicht werden. Aber Pinay bewies seinen Freunden und seinen Gegnern, daß er keineswegs ein orthodoxer Liberaler ist, es sich vor allem darum handelt, der Inflation nicht neuerdings Tür und Tor zu öffnen. Die zu erwartende Preishausse verschiedener landwirtschaftlicher Produkte war teilweise nicht zu verhindern. Pinay beschloß, die Importe von Nahrungsmitteln zu verstärken, vor allem die Importe an Fleisch und Milchprodukten. Dies bedeutet für Frankreich nicht einmal eine besondere Einschränkung des Devisenguthabens, denn die Länder wie z. B. Holland oder Dänemark, die Butter und Käse nach Frankreich liefern, sind durchaus bereit, in gleichem Ausmaße französische Produkte einzuführen. Ferner beschloß er, eine verstärkte Reduktion der Preise der Industrieprodukte zu erwirken. Dabei stieß er aber auf zahlreiche Preisbindungen, die innerhalb bestimmten Industriegruppen eine Reduktion der industriellen Produktionspreise verhinderten. Pinay kündigte nun scharfe Maßnahmen gegen diese Preisvereinbarungen an, die z. B. bewirkt haben, daß die Reduktion der industriellen Produktionspreise im August nur 0,2 v. H. erreichte, obgleich die Industriebetriebe bereits verbilligten Rohstoff verarbeiten und die mit teurem Rohmaterial erzeugten Produkte längst verkauft sind. Die Ankündigung dieser Maßnahmen hatte zur Folge, daß als eine der wichtigsten Industriegruppen das "Comptoir des Produits Siderurgiques" beschloß, alle bindenden Preisvereinbarungen aufzuheben. Andere Preisvereinbarungen sollen demnächst gelöst werden und man erwartet, daß es doch zu einer (wenn auch mäßigen) Reduktion der industriellen Produktionspreise kommt. Doch dies schien nicht zu genügen, um der Haussetendenz, die sich neuerlich stark bemerkbar machte und zum Teil auch nicht auf technischen, sondern auf psychologischen Faktoren beruhte (weil es fast schon zur Tradition geworden war, daß im Herbst jeweils die Inflation ein weiteres Stück vorwärts geht und die Preise neuerlich anziehen), die Spitze abzubrechen. So verfügte Pinay kurzerhand einen Preisstopp. Sowohl die Nahrungsmittelpreise als auch jene der Dienstleistungen und der industriellen Produkte sollten nicht über das Niveau, das sie am 31. August erreicht hatten, steigen können. Die Preise wurden nicht auf diesem Stand fixiert, sie konnten also gesenkt werden; nur die Hausse sollte mit dieser Maßnahme aufgehalten werden. Natürlich erregte diese Verfügung, die den bisherigen Methoden Pinays zuwiderlief, Aufsehen und Opposition. Opposition vor allem in den Kreisen jener, die ihn im Parlament unterstützen und gegen jede Einmischung des Staates in die Wirtschaft und gegen jeden Dirigismus sind. Aber Pinay kümmert sich offenbar wenig um diese Gegnerschaft.

Ein weiterer Programmpunkt seiner neuen Offensive ist die Reform des französischen Verteilungssystems. Ziel ist, durch eine Vereinfachung des Verteilungsapparates einen möglichst großen Teil des Zwischenhandels auszuschalten, die Verteilungsspesen und gleichzeitig die Preismargen zwischen den Engros- und den Detailpreisen zu reduzieren. So soll auch die steuerrechtliche Benachteiligung der Großhandelshäuser mit ihren zahlreichen Filialen und der Konsumvereine aufgehoben werden. Während diese z. B. Abgaben von 6,50 v. H. zu leisten haben, betragen die gleichen Abgaben für die kleinen privaten Geschäftsläden nur 3,50 v. H. Ferner soll verhindert werden, daß Nicht-Kaufleute Geschäftsläden kaufen und verkaufen und der Detailhandel von Spekulanten beeinflußt wird. In Paris und im Departement der Seine wurde überdies verfügt, daß bei dem Verkauf von Nahrungsmitteln nicht nur der Verkaufspreis, sondern auch der Einkaufspreis auf den nun obligatorischen Preistafeln ersichtlich sein muß, um übermäßige Profitmargen zu verhindern.

Das ist ein Teil der veranlaßten Maßnahmen. Andere werden ohne Zweifel folgen. Maßnahmen, in denen die verstärkte Autorität des Staates zum Ausdruck kommen soll. Natürlich wird auch von jenen, die Pinay gegenüber selbst positiv eingestellt sind, die Frage aufgeworfen, ob seine wirtschaftlichen Thesen zum Erfolg führen werden und führen können. Fest steht, daß selbst seine politischen Gegner nicht wissen, welchen Weg sie einzuschlagen haben, falls einmal Pinay abtreten und sein Experiment gestoppt werden sollte. Fest steht auch, daß (abgesehen von mäßigen Preissteigerungen in bestimmten Gebieten der Nahrungsmittelversorgung, die die Regierung durch massive Importe rasch ausgleichen könnte, wenn sie es wollte) sich die Situation stabilisiert hat.

Ein schwarzer Punkt aber ist das Handelsdefizit, das in den ersten acht Monaten 1952 auf 179,7 Mrd. ffrs. anstieg, während es in der Vergleichszeit des Vorjahres nur 74 Mrd. erreicht hatte. Der Handelsverkehr mit dem eigentlichen Ausland ergab ein noch wesentlich höheres Passivsaldo, nämlich 344,4 Mrd., während es im Vorjahr 193 Mrd. waren. Trotz aller gegenteiligen Behauptungen von Mendes-France auf der letzten Konferenz des Fonds Monetaire in Mexiko wird es in Frankreich doch früher oder später zu einer Wertangleichung kommen müssen. Nur dann wird der Export wieder stärker anziehen können. Die Subventionen, die für den Außenhandel für 1953 vorgesehen sind, erreichen 33 Mrd. ffrs. und sind bei weitem nicht ausreichend, um die stark übersetzten französischen Preise auszugleichen.