Weiche zentrale Rolle das Problem der Leistungssteigerung heute in den Überlegungen der Betriebe spielt, zeigt die Tatsache, daß der Deutsche Betriebswirtetag, der soeben in Berlin beendet wurde, sein Programm unter das Motto "Höherer Lebensstandard durch Steigerung der Produktivität" gestellt hat. Der gewaltige Abstand, den die Lebenshaltung des amerikanischen Volkes von der übrigen Welt trennt, beruht ja großenteils auf der überlegenen Leistungsfähigkeit der amerikanischen Wirtschaft, dem jahrzehntealten Kampf gegen den "waste in industry", den fast ebenso alten Bemühungen um die Herstellung von "human relations" in den Betrieben, der verständnisvollen Zusammenarbeit zwischen den Unternehmern und Gewerkschaften und der Aufgeschlossenheit der amerikanischen Öffentlichkeit gegenüber allen Fragen der "efficiency".

Was in den Erörterungen des Betriebswirtetages immer wieder zum Ausdruck kam, war die in den USA längst Allgemeingut gewordene und sich allmählich auch in Deutschland durchsetzende Erkenntnis, daß die Hebung der Leistungsfähigkeit nicht unmittelbar bei der Produktion in den Werkstätten Haltmachen darf, sondern auf die übrigen Bereiche des wirtschaftlichen Schaffens, die Verwaltung, den Vertrieb, die Verteilung und auch auf den Konsumenten in der Art seines Verhaltens auf dem Markt übergreifen müsse. Nur dann läßt sich erwarten, daß die in der Industrie als dem Kernbereich der Wirtschaft erreichten Verbesserungen von Aufwand und Ertrag als Ausdruck einer echten Produktivitätssteigerung auch wirklich zu einem höheren Lebensstandard der breiten Masse führen. Dies darf jedoch nicht bedeuten, daß die Steigerung der technischen Effizienz – mit anderen Worten die Verbesserung des Produktionsaparates selbst – in Zukunft in den Hintergrund treten könne. Im Gegenteil steht außer Zweifel, daß die Produktionsüberlegenheit der US-Industrie auf ihrer höheren Kapitalintensität beruht (der Aufwand für die Schaffung eines Arbeitsplatzes erfordert in der US-Industrie einen um ein Mehrfaches höheren Aufwand als in der deutschen).

Die westdeutsche Industrie hat im Frühjahr 1951 wieder das Leistungsniveau der Vorkriegszeit erreicht; Anfang 1949 war es noch um ein Viertel bis ein Drittel hinter der Vorkriegshöhe zurückgeblieben. Die größte Zuwachsrate weist das Jahr 1950 mit einer durchschnittlichen Steigerung gegenüber dem Vorjahr um 13 v. H. auf. Aber bereits im Jahre 1951 hat sich das Tempo der Produktivitätsentwicklung erheblich verlangsamt, und im ersten Halbjahr 1952 verflacht sich die Kurve des Produktionsergebnisses je Arbeiterstunde weiter. In den einzelnen Industrien war die Produktivitätsentwicklung allerdings sehr unterschiedlich. Während die Effizienz in den Investitionsgüterindustrien fast durchweg sowie in einzelnen Grundstoff- und Produktionsgüterindustrien um 10 bis 25 v. H. über dem Niveau von 1936 liegt, bleibt sie in anderen Industrien, vor allem auf dem Gebiet der Konsumgüter, noch erheblich darunter. Der Grund für diese unterschiedliche Entwicklung ist vor allem darin zu suchen, daß die Konsumgüterindustrien, nachdem sich ihre Produktion infolge des Nachfragestoßes nach der Währungsreform kräftiger entwickelt hatte als die der Investitionsgüterindustrien, seit Mitte 1950 hinter der allgemeinen Entwicklung zurückblieben. Sie waren infolgedessen nicht in der Lage, in dem gleichen Umfang wie die vorgelagerten Industrien an der Gewinnkonjunktur teilzunehmen und aus eigenen Mitteln ihren Produktionsapparat zu erneuern, wie dies vor allem bei den Investitionsgüterindustrien der Fall war.

Es wäre aber verfehlt, aus dem Verlauf der Produktivitätskurve seit Anfang 1952 den Schluß zu ziehen, daß die industrielle Leistungssteigerung zum Stillstand gekommen sei oder sich nur noch im Schneckentempo weiterbewege. Angesichts des Stagnierens der Industrieproduktion während der ersten acht Monate des laufenden Jahres – ihr durchschnittliches Niveau lag um rund 10 v. H. unter dem Höchststand von November 1951 – ist anzunehmen, daß viele Betriebe unter dem optimalen Kapazitätspunkt arbeiten und daß sich infolgedessen das Verhältnis von Einsatz und Ausbringung verschlechtert hat. Die statistischen Meßziffern sind also – jedenfalls für die kurzfristige Beobachtung – kein unbedingt zuverlässiges diagnostisches Mittel, die tatsächliche potentielle Entwicklung der Produktivität zu registrieren.

Daß noch ein – vermutlich sogar erheblicher – Spielraum für weitere Produktivitätssteigerungen vorhanden ist, geht einmal aus dem bereits angedeuteten Produktivitätsrückstand gegenüber der Vorkriegszeit bei einer ganzen Reihe von Industrien, vor allem bei den Verbrauchsgütern hervor. Er ergibt sich aber auch aus der weiteren Überlegung, daß bei einer gradlinien, nicht durch Krieg oder Kriegsfolgen unterbrochenen Entwicklung und unter Annahme einer jährlichen Wachstumsrate von 2 v. H. das Produktivitätsniveau heute um mindestens 20 bis 25 v. H. über dem tatsächlichen derzeitigen Stand liegen würde. In einem solchen und sogar noch rascheren Tempo hat sich jedenfalls die Produktivität der Industrie in den USA, in Schweden und in Großbritannien entwickelt.

Den sich so ergebenden Rückstand gegenüber anderen Industrieländern, mit denen die deutsche Industrie um die Weltmärkte konkurrieren muß, gilt es – gerade im Interesse der deutschen Ausfuhr – aufzuholen. Das Gebot der Stunde ist neben der Rationalisierung der Grundstoffindustrien und der weiteren Hebung der Effizienz in den Exportindustrien nicht zuletzt die Weiterleitung der auf den Vorstufen bereits erzielten Produktivitätssteigerungen an die Verbrauchsgüterindustrien.