Der neue Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels

Die Pazifisten haben die Idee des Friedens stark kompromittieren helfen, weil sie meinten, Abscheu vor dem Krieg sei schon Liebe zum Frieden. Durch ihren eifernden und geifernden Haß auf alles, was eine Uniform trägt, reduzierten sie das Problem, wie sich in der allzeit unvollkommenen Welt ein Optimum von Frieden aller Menschen untereinander herstellen lasse, auf die simple Gleichung Friede = Krieglosigkeit. Und als sie damit nicht durchdrangen, weil weder Hitler noch Stalin mit ihren Formeln zu widerlegen waren, verschanzten sie sich in einen militanten Groll, der ihren substantiellen Mangel an Friedfertigkeit entlarvte.

Der Friedens-Nobelpreis, als pazifistische Kundgebung erdacht, hat seine Autorität schon lange eingebüßt. Der "Friedenspreis des deutschen Buchhandels" ist vor der Einengung auf das Politische bewahrt worden: sein erster Träger war Max Tau, der Emigrant, der versöhnliche Gesinnung exemplarisch bekundet hat, der zweite Albert Schweitzer, keineswegs ein Pazifist, dafür aber ein Vorbild der Brüderlichkeit. Und in diesem Jahr fiel die Wahl des Börsenvereins-Vorstandes nach einem Vorschlag aus evangelischen Kreisen auf den katholischen Philosophen Romano Guardini, von dessen 68 Schriften keine einzige der Propagierung des sogenannten "Friedensgedankens" gewidmet ist, vielmehr alle der Überbrückung jener Widersprüche, die die moderne Welt zu spalten drohen und aus denen die politischen Widersprüche und die totalen Kriege erst hervorgehen.

Guardini wurde vor siebenundsechzig Jahren in Verona geboren. Er wuchs in Mainz auf, wohin seine Eltern übergesiedelt waren. Er studierte, zweisprachig von frühester Kindheit an, auf deutschen Universitäten, immer noch ein Italiener, ein Auslands-Italiener wie Millionen seiner Landsleute. Aber mit sechsundzwanzig Jahren (1911) vollzog er selbst die Wendung: er entschied sich für den deutschen Sprachraum, wurde Deutscher und blieb es unwiderruflich. Das war ein Akt des freien Willens, es war die Erfahrung der Freiheit, eine existentielle Erfahrung, in der Guardinis ganzes weiteres Leben und Wirken gründet. Wer deterministisch von den Menschen denkt, wird einwenden, das untrügliche Formgefühl, das aus jeder einzelnen Aussage Guardinis und aus dem ganzen Gefüge seiner Gedanken spricht, sei unverkennbar romanisch. Zugegeben. Aber auf welche Vererbung geht die behutsame Innerlichkeit zurück, die vor jedem gesprochenen Satz, vor jeder niedergeschriebenen Zeile die Reflexion auf die eigene Erfahrung einschaltet und Guardinis so eigentümlich verhaltene, immer dem lebendigen Wort nahe Sprache zu einer der edelsten Erscheinungen deutscher Prosa macht?

Guardinis Philosophie – kein System, sondern eine Folge von Gelegenheitsarbeiten (in dem Sinn, wie Goethe alle seine Gedichte "Gelegenheitsgedichte" nannte) – hat es immer mit Gegensätzen zu tun. Wie das Italienische und das Deutsche in der Persönlichkeit des Mannes Guardini in einer neuen Einheit aufgehoben sind, so gibt es in der geschichtlichen Welt keinen Gegensatz, sei es ideologischer oder praktischer Art, vor dessen Bewältigung man kapitulieren müßte. Gewiß kommen Widersprüche vor (zum Beispiel der des sowjetischen und nicht-sowjetischen Denkens), die ein unbedingtes Ja und Nein fordern. Aber die Tatsache solcher Widersprüche ist das Anzeichen für einen Irrtum, der in ihrer Setzung liegt. Ist dieser Irrtum durchschaut, verlieren die beiden Seiten des Widerspruchsihr Absolutes. Hat man zum Beispiel erkannt, worin die Unwahrheit des Marxismus (die Kehrseite seiner Wahrheit) besteht, dann wird das Nein nur noch dem System gelten, nicht mehr den Menschen, die es organisiert und von denen jeder einzelne jederzeit als Partner eines möglichen fruchtbaren Gesprächs angesehen werden muß.

"Keinen dürfen wir ganz fallenlassen" (de nemine desperandum est) heißt ein Wort des Apostels Paulus. Es ist das ungeschriebene Motto zu Guardinis gesamtem Lebenswerk als Schriftsteller und als Lehrer junger Generationen. Nur daß es bei ihm, dem Ordensmann und Offenbarungsgläubigen, nicht auf den Bezirk der christlichen Kirche beschränkt bleibt. Für Guardini ist nicht nur das Gespräch zwischen den Konfessionen nötig und fruchtbar, sondern auch das Gespräch zwischen den Religionen, ja auch das zwischen den Religiösen und den Nicht-Religiösen, den Atheisten, den Frei-Denkern, denen, die auf der Bank der Spötter sitzen.

Gegensätze zu Widersprüchen erstarren zu lassen, war das Werk der europäischen Neuzeit, und die drei Weltkriege dieses Jahrhunderts (die zwei heißen und der kalte) sind Symptome für den Verlust an Wahrheit, den die moderne Welt erlitten hat. Den Gegensatz wieder zu Ehren bringen, heißt den Widerspruch ausschalten.