Wir hörten:

"Großes Tamtam", Ernst Schnabels lang erwarteter Bericht von seiner Kongo-Reise, ist nun im NWDR gesendet worden. Immer noch – nach drei Jahrzehnten Radio – herrscht ja das Vorurteil, für den Funk würden keine Sachen von wirklicher Bedeutung geschrieben. Nun, mit den "Ansichten vom Kongo" (so nennt Schnabel seinen Bericht) wird dieses Vorurteil einmal mehr entlarvt: denn hier wird, "wie sich der Name Kongo – nichts weiter als zwei verheißungsvolle ferne Glockentöne – wie sich ein Name in eine Vision der größten Wirklichkeit verwandelt", in eine dichterische Vision.

Die Neger singen, Trommeln werden geschlagen: Tamtam, tamtam ... Darüberhin ein Sprecher: "Die Geschichte dieser Reise enthält das Ende eines weißen Flecks. Sie handelt ferner von einer verkehrten Welt, wo die verwunderlichsten Dinge geschehen – und keiner staunt. Und sie ist endlich eine Geschichte von der Zeit, vom Anfang der Zeit im großen Kongo-Bogen, nachdem sie zehntausend Jahre lang begraben lag im Tal des Stroms wie der Mittagsschatten unter einem Stein." Flugzeugbrummen überblendet die Trommeln, die Reise beginnt, der Autor ist über der Mitte von Afrika: "Ich schaut hinab..." Er sieht die Wälder, den Strom: "Der Kongo donnert über die Stanley-Fälle. Das ist... ein Drachengebiß von Klippen und Stufen, die den schnellen Seidenglanz des Stroms zerfetzen." Er landet, lernt Städte kennen, die noch voller Zukunft sind: "Mir ist, als fände das eigentliche Leben doch unter dem Straßenpflaster statt. Es ist keine Stadt, noch nicht... Aus tausend Bildern, Geschichten, Erlebnissen ersteht schließlich das Land selbst, Belgisch-Kongo, seine Gegenwart und seine Geschichte..." (Zu dem starken Eindruck trugen die Regie Fritz Schröder-Jahns und die sprecherischen Leistungen des Autors und Jo Wegeners sehr viel bei.)

Schnabels "Ansichten vom Kongo" sind ein authentischer Bericht, und sie werden auch als Bericht vorgetragen; hier ist zunächst noch nichts, was man "funkisch" nennen könnte. Zwar wechseln sich Autor und Sprecher im Text ab, doch erscheint das eher als äußerst geschickte Methode, um die subjektive Impression ("Ich sitze hier, und die Welt ist vollkommen schön wie auf dem Schmuckblatt einer Zigarrenkiste") und die objektive Beobachtung ("Drei Stunden Wald") auseinanderzuhalten. Auf wirkliche Szenen, Dialoge verzichtete Schnabel, "weil man" – wie er sagte – "Neger doch nicht deutsch antworten lassen kann". Dieser Bericht strebt also durchaus keine Perfektion des Funkischen an – und doch wirkt er eminent funkisch.

Da sind einmal die Geräusche: das Tamtam, das Flugzeug – sie begleiten ganze Textpartien mit faszinierender Symbolik, treffen zusammen, das eine weicht dem anderen; so intensiv können Worte einem stundenlang lauschenden Hörer nicht sagen, wo der Weiße und wo Afrika spricht. "Das Tamtam klopft wie die Brust eines schwarzen Mädchens", dichtete Jacques Roumain. Dann aber sind da großartige Aufnahmen – ein unvergeßliches "Ave Maria" einer Schulklasse am Kongo, wie fremd und doch wie vertraut; erregende Negergesänge, die immer wieder durch den Bericht hindurchbrechen und ihn übertönen.

Es wäre einseitig, das funkische Feature nur dort zu sehen, wo etwas "funkisch" ist. Wenn nicht eine folgerichtige Handlung den Ablauf bestimmt, sondern Facts berichtet, gedeutet und aneinandergereiht werden, wenn nicht Personen die Helden sind, vielmehr das Thema selber zur Hauptsache wird – auch dann spricht man vom Feature. Und in diesem Sinn ist "Großes Tamtam" ein Muster seiner Art. Ja, das Thema trat hier so sehr in den Vordergrund, daß auch der Autor dem "Kongo-Stil" verfiel. Die Schöpfungsgeschichte der Afrikaner endet mit der grandiosen Ironie: "Und zuletzt wollte auch Chedi etwas erschaffen, aber es kam nur ein Rülpsen aus seinem Munde. Da lachten alle." Ernst Schnabel schließt seinen Reisebericht im Clipper, auf dessen Vorhängen die Weltkarte gedruckt ist: "Die Dame auf Platz neun legte ihren Kopf gegen den Indischen Ozean und versuchte zu schlafen."

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