Wie die Natur Formen gebiert, entwickelt, verwirft und neu erschafft – II. Der Roman des Neandertalers / Von Morus

Seit etwa 1000 Millionen Jahren, so schätzt man, gibt es Lebewesen auf der Welt, und erst viel später – vor 600 000 Jahren – entstand der Mensch. Die Konkurrenz um das Prädikat des Urmenschen ist inzwischen groß geworden. Die Hypothese, daß der Neandertalmann ein Vorlehre irgendeiner gegenwärtigen Menschenrasse sei, ist fast allgemein aufgegeben worden; man nimmt an, er war das letzte Glied einer Kette, mit ihm sei ein Zweig des Übertiers frühzeitig erloschen. Nicht nur die ältere Generation der Vormenschen, auch die anthropoiden Affen werden nicht mehr als die Ahnherren des Homo sapiens anerkannt. Gegenwärtig sind die Lemuren, ein anderer Zweig der Primaten, bei manchen Abstammungsspezialisten Favoriten. Doch ist zu befürchten, daß der Satz, der Mensch stammt von den Lemuren ab, einen ebenso peinlichen Beigeschmack bekommen wird wie die Behauptung, der Mensch stammt vom Affen ab. Wir setzen heute den Bericht über die Forschung nach der Entstehung des Menschen fort, wie Morus sie in seinem Buch "Die Geschichte der Tiere" darstellt.

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Die ernsten Wissenschaftler hatten von dem Elefantenfund gar nicht erst Notiz genommen. Sie zeigten sich auch nicht viel zugänglicher, als fast hundert Jahre später, ebenfalls im Süden Englands, ein ähnlicher Fund gemacht wurde. Diesmal lagen, vier Meter tief in der Erde, Knochen verschiedener ausgestorbener Tiere vermengt mit zugeschnittenen Steinen. Der Finder – John Frere war sein Name – war etwas hartnäckiger als der geschäftstüchtige Apotheker. Nach einigen Mühen gelang es ihm, eine Beschreibung seiner Entdeckung in einer archäologischen Zeitschrift unterzubringen und auseinanderzusetzen, daß die Menschen, die die Steinwaffen zugeschnitten hatten, in derselben Zeit gelebt haben müßten wie die fossilen Tiere.

Andere Funde dieser Art, die am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in England, in verschiedenen Teilen Frankreichs, in Belgien und im Rheintal gemacht wurden, fanden bei der zünftigen Wissenschaft ebensowenig Beachtung und Glauben. Der bündige Einwand war, daß die Tierfossilien und die von Menschenhand bearbeiteten Steine, auch wenn man sie am selben Ort gefunden hatte, eben doch aus verschiedenen Zeiten stammten. Die Waffen und Werkzeuge mußten viel jünger sein als Fossilien, denn der Mensch konnte unmöglich mit Vorweltelefanten, Nashörnern, Hyänen und anderen in Westeuropa schon vor vielen tausend Jahren erloschenen Tieren zur gleichen Zeit gelebt haben. Die Fossilien seien ohne Ausnahme "antediluvial", der Homo sapiens aber gehöre der "postdiluvialen" Epoche an. Der Führer im Streit gegen diese Auffassung ist ein genialischer Amateur, der zeitlebens einer bleiben wird: Boucher de Perthes. Er ist seines Zeichens Zolldirektor in Abbeville an der Somme. Da in dem kleinen Hafen nicht zuviel Schiffe ankommen, hat er ausgiebig Zeit, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. In seiner Jugend hat er sich als Tragödien- und Komödiendichter versucht, in anderen Perioden seines Lebens hat er für Armenhilfe und Frauenemanzipation eine Lanze gebrochen, nun hat er sich der Prähistorik zugewandt und kämpft wie ein Löwe dafür, daß man wenigstens einigen der Steinwerkzeuge, die er in dem Schwemmgebiet der Somme gefunden hat, das Prädikat "antediluvial" zuerkennt – und damit den Menschen, die diese Werkzeuge geschaffen haben.

Als Sohn eines hochangesehenen Botanikers hat Boucher de Perthes verhältnismäßig leicht Zugang zu den maßgebenden Gelehrten in Paris, die Akademie der Wissenschaften beschließt, eine Kommission nach Abbeville zu schicken, und die Funde zu besichtigen, aber nur einer der Herren macht sich auf die Reise, und die offenkundigen Übertreibungen und laienhaften Irrtümer Bouchers de Perthes machen auch die Vorurteilsfreien stutzig. Sein Kampf um die Menschen der Vorzeit währt zwanzig Jahre und gehört zu den tragikomischen Kapiteln der modernen Wissenschaft, aber er endet siegreich. Nach und nach erkennt auch ein guter Teil der Fachgelehrten an: Mensch und Mammut waren Zeitgenosen. Damit tritt der Mensch aus der isolierten Stellung innerhalb des Tierreichs heraus, und man beginnt, sich auch lebhaft für die Anatomie und Physiologie des prähistorischen Menschen zu interessieren.

Wie waren die Menschen beschaffen, die diese primitiven Werkzeuge verfertigt haben? Wie sahen sie aus? Gehörten sie schon zur Gattung des Homo sapiens, oder war ihr Körperbau ganz anders? Zunächst muß man sich auf Mutmaßungen beschränken, denn die Erde will noch immer keine fossilen Menschen hergeben. Schon in den dreißiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts hat man in den Landes, im Südwesten Frankreichs, einen fossilen anthropoiden Affen, vermutlich einen Vorfahren des heutigen Gibson, entdeckt. Der Entdecker des Affenskeletts, Edouard Lartet, ein Rechtsanwalt mit einem außerordentlichen Finderblick – er wird später einer der Hauptforscher der Höhlenkultur der Dordogne –, macht sich gleich mit Feuereifer auf die Suche nach fossilen Menschenresten. Aber er fahndet im Tertiär, wo er den Affen erbeutet hat, und findet nichts. Nach langem Mühen gibt er es auf, doch er hält mit Boucher de Perthes daran fest, daß im Tertiär auch schon Menschen existiert haben.