In einer alten Urkunde des Industrie-Pioniers Hermann Diedrich Piepenstock aus dem Jahre 1841 sind folgende Worte zu lesen: "Ich will eine Anlage gründen in größerem Maßstab zum Vorfrischen des Roheisens mit Steinkohle und damit zugleich eine Einrichtung zum Walzen von Stabeisen, Bandeisen, Schneideisen, Eisenbahnschienen, Eisenplatten und allen anderen in dieses Fach fallenden Eisensorten nach den besten englischen Prinzipien. Diese Anlage soll mitten in die Kohlenreviere der Ruhr zu liegen kommen. Ihr Umfang wird so groß und ihre Maschinen, die eine Gesamtkraft von 180 Pferden bekommen sollen, werden so mächtig werden, daß man täglich 1000 Zentner fertige Waren produzieren wird." – Das war die eigentliche Gründung des Hoerder Werkes 1841.

"Ich will eine Anlage gründen ...",schrieb Piepenstock. Nirgends findet sich hier wie auch bei ähnlichen Gründungen dieser Zeit das Wort "Werk". Wann begann der Wandel vom Begriff der "Anlage" zum Begriff "Werk"? Wann entstand ein Werk-Bewußtsein, eine "Werksgemeinschaft"? Diese Fragen stellte und beantwortete in einer ausgezeichneten Festansprache Dr. Fritz Harders, Mitglied des Vorstands der Dortmund-Hoerder Hüttenunion AG, anläßlich der Jahrhundertfeier des Werkes in der Westfalenhalle. Uns scheinen seine Gedanken und Formulierungen zu dieser Frage weit über den Kreis der Zuhörerschaft hinaus bedeutsam zu sein. Wir wollen daher kurz aus der Rede Harders die entsprechenden Ausführungen herausgreifen. Gerade das Wort "Werk" wird heute täglich viele Male gesprochen und gelesen. Es kommt in die Gefahr, seinen Sinn zu verlieren und ihn vergessen zu machen: Werk bedeutet ja nicht nur Firma, Arbeitsstätte, Hallen oder Gebäude. Harders meint dazu:

"In der Bezeichnung eines Teiles der Betriebe, der Werkstatt‚ wird deutlich, daß dieses Wort mit dem Wirken, das heißt, mit dem Schaffen des Menschen, der an diesem Ort Werke schafft und sein Brot erarbeitet, zusammenhängt. Der Klang von ‚werken‘ oder ‚wirken‘ kündet Kräfte an, die während des Arbeitsvorganges eben werken oder wirken. Diese Kräfte liegen einmal in der Idee und dem Willen, die in einer Werkstattzeichnung oder in dem Erzeugungsplan augenfällig entgegentritt. Diese jedem Betriebsangehörigen bekannten Voraussetzungen für die Ausführung seiner Arbeit sind ebenso wie die Gesamtplanung der Betriebe oder wie die Konstruktion der Werkzeuge oder wie die Arbeitsverfahren Ergebnis und Frucht geistiger Arbeit. Auf der anderen Seite bewirkt die Handarbeit, daß der geistige Impuls Dasein und Form gewinnt. Sie bewirkt weiterhin, daß die Idee in des Wortes bester Bedeutung verwirklicht wird."

In diesem weitläufigen Sinne müssen wir auch denken, wenn wir die früheren Begriffe aus der Industriegeschichte von Gewerken und (Kohle-) Gewerkschaft lesen oder aussprechen. Die Gewerken waren und sind Gemeinschaften von Personen, die im Bereich des Bergbaues und der Hütten die Absicht verfolgten, Kohle, Erz, Kali und andere Bodenschätze gemeinsam zu gewinnen und zu veredeln. Auch die modernen, für soziale Ziele sich einsetzenden Gewerkschaften seien eine Gemeinschaft der durch die Werke zusammengeschlossenen Arbeitenden. Ihr Name drücke urtümlich diese Verbundenheit des Menschen in der geistigen und körperlichen Arbeit aus, sagte Harders.

Unbewußt liegt in diesen Wortprägungen die tiefe Bedeutung einer Ordnung. Es ist die Ordnung, die die Arbeit vieler zu einem Ganzen fügt und auf einen bestimmten Zweck richtet. Dieser Sinn tritt in dem Begriff des Wirkens zutage, ein Begriff, der in der Textilindustrie noch gang und gäbe ist. Gewirktes Tuch zum Beispiel stellt eine nach technischer Zweckmäßigkeit und kulturellem Schönheitsempfinden vollendete Ordnung dar. Schließlich kann die ganze Größe des Begriffes Werk vielleicht auch noch aus jenem Wort deutlich werden, das als "verwirken" in Sprachgebrauch ist. Wer sich gegen die Grundgesetze des Lebens und der Gemeinschaft vergangen hat, verwirkt seine Existenz.

Härders beantwortet also die Frage "Was ist eigentlich unser Werk?" sowohl ethymologisch wie kulturhistorisch, aber auch wirtschaftstechnisch: "Unser Werk ist Kopf und Hand, ist die geistig-willensmäßige Kraft, die der ingeniösen und ökonomischen Idee durch das Schaffen vieler tausend Hände Existenz und Form zu geben vermag." W.-O. Reichelt