Es stimmt etwas mit den Gesetzen des Staates nicht, wenn sie den Staatsbürger vor die Alternative stellen, sie entweder zu übertreten oder wirtschaftlichen Schaden, wenn nicht sogar das Opfer der Existenz auf sich zu nehmen. Wenn man einer neuerlichen Mitteilung des Verbandes der Textilveredlungsindustrie glauben will, muß dieser kohlenintensive Industriezweig drei Viertel seines Kohlebedarfs auf den grauen und schwarzen Märkten decken, weil die öffentlichen Zuteilungen nur 25 v. H. der Menge betragen, die zur Aufrechterhaltung des Produktions- und Beschäftigungsvolumens gebraucht werden. Oder anders: wenn die Textilveredlungsindustrie die Anordnungen des Staates befolgen will, müßte Produktion und Beschäftigung auf ein Viertel des bisherigen Standes reduziert werden – was gegen jede Vernunft und auch gegen den so oft gehörten moralischen Appell des Staates verstößt, alle vorhandenen Beschäftigungsmöglichkeiten auszunutzen. Eine gesetzlich sanktionierte Maßnahme des Staates stellt sich also hier gegen alle Regeln normalen wirtschaftlichen Verhaltens und sozialer Verantwortung: mit dem Ergebnis, daß solchen Maßnahmen ausgewichen und ein ganzer Industriezweig in die Illegalität gezwungen wird.

Bei der Kritik an dem staatlichen Interventionismus auf allen nur möglichen Gebieten des Wirtschaftslebens wird im Vordergrund nur immer von seinen die Wirtschaft schädigenden materiellen Auswirkungen gesprochen – etwa in dem Sinne, daß das Gestrüpp staatlicher Verordnungen, in dem sich niemand mehr zurechtfindet, jede unternehmerische Initiative zum Erliegen bringt. Oder: daß durch die Eingriffe und Manipulierungen der Preise und Mengen die Wirtschaft in einer ständigen Unruhe gehalten und damit jede Kalkulation zu einer Unmöglichkeit gemacht wird. Oder: – und mit diesem Argument arbeitet man in der jetzt in voller Stärke angelaufenen Offensive gegen das heutige Steuer- und Fiskalsystem – daß Subventionierungen hier und Abschöpfungen dort die wirtschaftlichen Daten verfälschen und der Wirtschaft Belastungen aufbürden, die sie nicht tragen kann. Das alles ist (leider) nur allzu wahr! Aber etwas anderes ist noch schlimmer, auf die Dauer und unter dem Aspekt unseres gesamtwirtschaftlichen Schicksals gesehen: daß durch diese Barrieren, die heute allerorts wider alle Ökonomie dem natürlichen Gefälle der Wirtschaft entgegengebaut werden, der wirtschaftende Mensch in einen tragischen Zwiespalt getrieben und der Bereich der Wirtschaft selbst, in dem sich ja doch ein wesentlicher Teil des menschlichen Handelns abspielt, in einen scheinbar unaufhebbaren Gegensatz zu Sitte und Moral gestellt wird.

In diesem Zwischenfeld der "Grenzmoral", sei es auch nur in der Form einer das menschliche Verantwortungsbewußtsein überfordernden Versuchung, steht schon der Verbraucher, dem – das Ergebnis überhöhter Steuern und Zölle – eine Packung Zigaretten, ein Pfund Tee oder Kaffee "schwarz" und also billiger als auf dem legalen Markt zugeschoben wird, und der von dieser "Gelegenheit" Gebrauch macht, weil es sich dabei ja nur um "kleine Beträge" handelt. Was aber mit ein paar Zigaretten beginnt, setzt sich auf anderen Gebieten fort, etwa bei der Wohnung, die man sich heute mit einigem Geschick auf dem Wege besonderer Absprachen "besorgen" oder besorgen lassen kann. Es ist auch kein Geheimnis (Sachkenner jedenfalls behaupten es), daß drei Viertel der Reisenden, die heute ein fremdes Land mit scharfen Zahlungsrestriktionen betreten oder aus ihm zurückkehren, in irgendeiner Form gegen die Devisenbestimmungen verstoßen –, sei es, daß sie Geld mit sich führen, das sie nicht bei sich haben dürfen, oder daß sie ihre Reise auf dem Wege eines ebenfalls nicht erlaubten Privatclearings finanzieren. Beginnen sich aber dergestalt erst einmal die Grenzen zwischen dem, was erlaubt und nicht erlaubt ist, im kleinen zu verwischen, dann fallen auch im größeren und schließlich großen die letzten Skrupel, sich ohne Gewissensnot über die Gebote des Staates (und das heißt doch, wenn diese Gebote einen Sinn haben, über die Interessen der Allgemeinheit) hinwegzusetzen. Da geht es ja dann nicht mehr nur um kleine Vorteile und Erleichterungen, sondern – wie es im Falle der Steuer und der Kohlen und auf den vielen anderen Gebieten der Fall ist, wo manipuliert und rationiert wird –, um Substanzeinbußen, die den einzelnen Betrieb mit den in ihm Beschäftigten vor die Frage der Existenz stellen. Und in diese einmal in die Phalanx der öffentlichen Moral geschlagene Bresche dringen nun jene die Ordnungen der Wirtschaft sprengenden Gewalten des Eigennutzes, der Habsucht, der Geld- und Machtgier, jene Machenschaften der Groß- und Berufsschmuggler, denen Schwarzgeschäfte zum Beruf und lukrativen Geschäft werden: und das alles, weil der Staat von dem wirtschaftenden Menschen mehr verlangt, als er als Wirtschafter und Mensch zu geben und zu halten in der Lage ist.

Der Staat zwingt die Wirtschaft nicht nur in eine unwürdige Zwangsjacke, die ihr nicht paßt und in der sie darum nicht arbeiten kann. Einen viel ärgeren Schlag gegen ihre Freiheit und ihren Bestand führt er damit, daß er sie mit Gesetzen und Bestimmungen, die nicht durchzuführen sind, um ihren guten Ruf bringt. Es ist doch heute schon vielfach so, daß die Öffentlichkeit den sichtbaren wirtschaftlichen Erfolg nicht mehr als das Ergebnis einer vollmenschlichen Leistung wertet, die immer zugleich ein Ethos mitbeinhaltet und der man darum Achtung und Anerkennung entgegenbringt, sondern als das Attribut geschickter Geschäftemacher die sich durch die Dschungel der Vorschriften und Zuteilungen erfolgreich ins Freie tastet und auf diesem Felde die so viel diskutierten Gewinne macht. Diese Freiheit will man natürlich nicht – und die andere Freiheit, die Freiheit der Leistung, kennt man nicht mehr... Wolfgang Krüger