Ichwill versuchen, das Beste daraus zu machen",sagte"Sandy" und lachte dröhnend aus der tiefen Resonanz seines massigen Körpers. Er hatte soeben mit seinem Hamburger Kunsthändler auf zeremonielle deutsche Weise, Arm in Arm gehakt, Brüderschaft getrunken, und – befragt, ob er sich über Bedeutung und Folgen der Handlung klar sei – ohne Zögern diese fröhliche Antwort gegeben. Dann zeichnete "Sandy" – alias Alexander Calder – mit eiligen, treffenden Strichen die Hamburger Tafelrunde, wobei er die lange Nase seines Kunsthändlers mit Genuß übertrieb. Dann übte er mit tiefem Baß und langsamer Zunge zum zehnten Mal das Wort "bauernschlau", das er verschmitzt und gutmütig auf sich bezieht. Es gefällt ihm unter den Worten, die er neu gelernt und eifrig auf einem Zettel notiert hat, besonders gut. Freigiebig verteilt er die Adresse seiner Farm in Connecticut USA an die ganze Tafelrunde, und plötzlich hat er mit mir eine neue, für uns allein gültige Form des Zuprostens gefunden: Wir heben die Gläser, lächeln verstohlen, sagen "Auf Wiedersehen" und sehen uns mit vorgeneigten Köpfen tief in die überweit aufgeschlagenen Augen.

Wieder und wieder lacht er dröhnend. Alles in dem Meister der Stabile und Mobile ist schwer, stark und zugleich lustig und von zarter Beweglichkeit: die durcheinandergewirbelten schneeweißen Haare des Vierundfünfzigjährigen, die bald listigen, bald lustigen, aber immer scharf und neugierig blickenden Augen, die zu dem großen Körper zierlich wirkenden dicken, aber behenden Bastler- und Tüftler-Hände, die lose hängende hellkarierte Jacke, der schmale rotgestreifte Schlips auf dem dunklen groben Wollhemd. Bauer aus Connecticut Ingenieur aus New York..., empfindsamer Künstler, in Paris und Barcelona zu Hause... Er ist einer der berühmtesten und erfolgreichsten Männer der Welt, aber er gibt sich nicht erfolgreich, er ist unbekümmert und freimütig, strahlt Wärme und Herzlichkeit aus.

An diesem Tag ist er in Hamburg zu Hause. Obwohl offiziell von der deutschen Bundesregierung eingeladen als einer der ersten Gäste des nun auch von hier aus in Gang gebrachten Austauschprogramms, bat er, den offiziellen Teil wegzulassen. Er sucht das Leben, er steht am Hafen, er geht durch die Ruinen der zerstörten Stadtteile Hamm und Rothenburgsort, er besucht den Zirkus, die Stätte, die ihm jahrelang Anregungen gab. Abends trifft er einige Hamburger Maler und durchstreift mit ihnen St. Pauli und die Reeperbahn, "um das Leben zu studieren". In der Großen Freiheit Nr. 30, wo die hübschen Taxi-Girls, uniformiert in stumpfen schwarzen Abendkleidern mit weiten Flügelärmeln, wie Fledermäuse über das Parkett huschen und wirbeln, dort ist auch "Sandy" plötzlich maskiert. Ein Faltblatt, aus der Tasche gezogen und vor das Gesicht gehalten, läßt im Orange der Maske nur noch die verschmitzten leuchtend blauen Augen frei; darüber, auf der Stirn, prangt in schwarzer Blockschrift: "Die Kultur". Er hat sich die Maske aus einem Umschlag geschnitten, den man ihm als Erkennungszeichen in die Hand gegeben hatte.

Schließlich fängt "Sandy" zu tanzen an. Aber in der Nähe der Kapelle hält er fröhlich-brummend an. Dort hängt aus dem Talmiflitter unter der Decke ein goldener Stern herab. Um diesen Stern tanzen nicht bloß Lichter, sondern – Fliegen, gewöhnliche Stubenfliegen, die sich ebenfalls nach St. Pauli begeben hatten. Dies muß deshalb hier erwähnt werden, weil Calder mich ausdrücklich auf die Fliegen aufmerksam machte. Deshalb sah ich’s plötzlich auch: dies luftige Drehen, Durcheinanderwirbeln, dies Schwingen, Kreisen. Die vielen St.-Pauli-Fliegen bildeten, indem sie um den Stern flogen, allerlei abstrakte Figuren, allerlei "Mobile", "Constellations". Ob er’s daher hat? "I like flies", sagt Calder, dieser merkwürdigste aller modernen Bildhauer, der immer neue abstrakte Formen der Natur absieht, dazu den Charme des Spielzeugs nimmt und bei alledem das Material dieses Zeitalters für seine Kunstwerke entdeckt: Stahl und Eisen, Aluminium, Draht, Glas...

Im Höhepunkt der Nacht hat er das ganze Lokal mit seiner Heiterkeit angesteckt. Er tanzt ausgelassen mit seinem Kunsthändler einen improvisierten Grotesktanz, umrauscht von dem Beifall der taktschlagenden Gäste. Wenig später sitzen wir unter den Dächern von Hamburg im Maler-Atelier und schwatzen leise von der Kunst, von Hamburg, von Amerika, in unserer Mitte Calder, der souverän und tiefbefriedigt in einem Sessel schlummert.

"See you in USA", ist sein letztes Wort, das er uns leichthin und amerikanisch-unverbindlich durch die Glasscheibe und schon wieder fern zuruft, als er bald darauf augenzwinkernd im Fahrstuhl abwärts gleitet. EM