Von Elisabeth Verden

Georg Munk: Am lebendigen Wasser. Roman. (Im Insel-Verlag, Wiesbaden, 660 S., Leinen 19,80 DM.) Thea Sternheim: Sackgassen. Roman. (Limes Verlag, Wiesbaden, 407 S., Leinen 19,80 DM.)

Es gibt bedeutsame Zufälle auch in den Terminen des Buchmarktes. Diese zwei neuen Romane erscheinen nicht nur fast gleichzeitig (und beide in Wiesbaden), sondern sie gehören auch innerlich zusammen, durch Ähnlichkeit sowohl wie durch eine sehr bezeichnende Gegensätzlichkeit.

In beiden Büchern wird der an Umwegen reiche Lebenslauf einer Frau (beide Male Anna genannt) von den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts bis zu der Zäsur des ersten Weltkrieges beschrieben. Beide beginnen sie in der gesicherten bürgerlichen Welt Süddeutschlands (hier Münchens, dort Frankfurts) und werden durch Begegnungen mit dem Unfaßlichen zu einsamer und wissender Selbstbehauptung getrieben. An beiden Romanen bewundert der Leser die Kraft eines scharfen und intensiven Gedächtnisses, das so viele Züge einer entschwundenen, für die meisten Mitlebenden in unerreichbare Ferne gerückten Zeit erinnert und sichtbar werden läßt.

Trotzdem sind kaum größere Gegensätze zu denken. Die Zwiespältigkeit des spätbürgerlichen Lebensstils spiegelt sich in der ganz verschiedenen Art, wie jede der beiden Frauengestalten auf seinen Verfall reagiert. Frau Anna bei Georg Munk baut sich nach dem rätselhaften Verschwinden des geliebten Mannes eine eigene innerliche Welt, innerhalb der gewohnten Ordnung. Frau Anna bei Thea Sternheim protestiert gegen die Lüge, die diese Ordnung unterhöhlt, und versucht sich eine Gegenwelt zu errichten, die keiner äußeren Stützen bedarf.

Die Titel selbst zeigen den Kontrast an, der sich bis in die Einzelheiten der Fabel und in die sprachliche Form durchzieht. „Am lebendigen Wasser“ – das ist das Bleibende, der zuverlässige Blutstrom, der sich durch alle Einstürze hindurch erhält; es ist auch der Fluß hinter dem „Stromhaus“, der unbeirrbar ist.in seinem Lauf. „Sackgassen“ – das sind die kurzen Augenblicke der Glückseligkeit, die allein noch bleiben, wenn der Schatten der Einsamkeit sich auf die Menschen gesenkt hat.

Georg Münks Sprache hat daher einen gelassenen, verhaltenen Ton. „Der Frost schien besiegt, ein Himmel wie blaue Seide spannte sich über die Stadt, Tauben nisteten in ihren Nischen und Steinlöchern und umflatterten sie im silbernen Licht“ – so kann ein Münchner Vorfrühlingstag beschrieben werden. Bei Thea Sternheim dagegen hat die Sprache etwas Gestoßenes, Brüskes, Gefangenes. Ein Morgen in einem Taunuskurort: „Schlenderte Lehmann zu der Kurkapelle Potpourris unter elektrischen Lampen die Promenade entlang, zog er aus der Kavalkade von Männchen und Weibchen regelmäßig den Schluß, daß Leben vorzüglich Wille zur Paarung sei...“