Von Christopher Fry

Hans Feist, der dem deutschen Theater kongeniale Übertragungen bedeutender Dramatiker von Pirandello bis zu Christopher Fry gegeben hat, starb am 30. September im Steglitzer Schloßpark-Theater während der Erstaufführung von Frys "Der Erstgeborene".

Den Tod von Hans Feist empfinde ich als persönlichen Verlust. Im Frühling dieses Jahres sah ich ihn zum erstenmal, das auch das letzte sein sollte. Er kam damals im Flugzeug nach England und hatte gerade die Übersetzung des "Erstgeborenen" beendet, des fünften meiner Stücke, die ihm die deutsche Fassung verdanken. Ich wußte schon aus seinen Briefen an mich, daß ich mir als Autor keinen ehrfürchtigeren Übersetzer hätte wünschen können, keinen, der wie er bemüht gewesen wäre, meinem Text so nahe zu kommen, wie man in einer Sprache einer anderen näherkommen kann, und keinen, der in seiner Sprache das leistete, was ich in der meinen zu leisten versuche. Er war nicht nur ein Übersetzer von Dichtern, sondern auch ein Dichter unter den Übersetzern. Ich sehe ihn noch, wie er in einem Oxforder Hotel an seinem Tisch sitzt und sich über eine Zeile im "Erstgeborenen" den Kopf zerbricht: "Es ist schwer, hier genau den Sinn zu treffen ... ‘the persuasion of our days’ ... ich suche noch nach dem richtigen Wort ..." Oder wie er im warmen Frühlingssonnenschein in meinem Londoner Garten sitzt und vor Vergnügen kichert über eine Stelle, die er richtig getroffen zu haben meint. In beiden Stimmungen zeigte er sich als Künstler – aber als ein Künstler, der seine eigene schöpferische Kraft der eines anderen widmete, der selbstlos das Werk eines anderen nachschuf und in doppeltem Sinne treu war: sich selbst und seiner Sprache, aber auch mir und der meinen.

Er sah damals schon gebrechlich und müde aus, und ich kann nur hoffen, daß die Kraft, die er auf meine Stücke verwandt hat – fast ununterbrochen drei Jahre lang –, ihm nicht nur Ärger, sondern auch Vergnügen, nicht nur Mühe, sondern auch Befriedigung, nicht nur Unterwerfung, sondern auch Befreiung gebracht hat. In den letzten beiden Monaten arbeitete er an dem ersten Stück, das ich veröffentlicht habe (ich weiß noch nicht, ob er die Arbeit hat abschließen können), und er starb, während er die deutsche Uraufführung des "Erstgeborenen" ansah.

Kann ich diesem Mann jemals genug danken, der alle seine Kraft und den weitaus größten Teil seiner Zeit in seinen letzten paar Jahren darauf verwandt hat, mein? Arbeiten auf die deutsche Bühne zu bringen?

Während seines kurzen Englandbesuches im Frühjahr schien er mir, wie ich schon sagte, müde und kränkelnd und vielleicht ein wenig zu besorgt, daß seine Arbeit nicht gut vonstatten ginge. Aber hier und da lächelte er ein ganz junges Lächeln, ein Lächeln, das sich seit seiner Kindheit kaum verändert haben konnte, und dieses Lächeln sagte mir (wenn ich solche Bestätigung noch nötig gehabt haben sollte), was für ein Dichter er war. Ich bin froh, daß ich noch Freundschaft schließen konnte mit ihm, ehe sein Leben ablief, und daß ich ihm sagen konnte, wie stark ich in seiner Schuld stünde. Damals sprachen wir von dem Stück, an dem ich nun arbeite. Er sagte: "Schreiben Sie es wieder in Versen!" Ich schreibe es in Versen, aber Hans Feist wird sie nicht, mehr wiedergeben können ...