Der politische Berater des französischen Stadtkommandanten von Berlin, Gesandter de Noblet, von dem gemeldet worden ist, er habe kürzlich Verhandlungen mit sowjetrussischen Stellen geführt, hat erklärt, seit 1949 habe er weder offiziell noch inoffiziell Beziehungen zu den Sowjets unterhalten. Immerhin dürfte es interessant sein, daß er 1949 versucht hat, in einer kritischen politischen Situation – ohne vorherige Fühlungnahme mit den zuständigen Stellen der Amerikaner und Engländer, also der Partner Frankreichs – Verhandlungen mit den Sowjets anzubahnen und ihnen Zugeständnisse anzubieten, die zu jener Zeit weder für Washington noch für London überhaupt diskutabel gewesen wären.

Es war im Januar 1949 auf dem Höhepunkt der Berliner Blockade. Die Luftbrücke hatte sich eingespielt, die Versorgung der von den Sowjets abgeschnittenen Westsektoren war gesichert, und der ununterbrochene Strom der Transportmaschinen wurde von Tag zu Tag zu einer immer stärkeren Demonstration der Überlegenheit des Westens. Die Sowjets konnten feststellen, daß es ihnen nicht gelingen würde, die Westmächte auf kaltem Wege aus Berlin zu verdrängen. Ihre Situation war unbehaglich geworden, statt eines billigen Triumphes zeichnete sich eine politische und moralische Niederlage ersten Ranges ab. So streckte der Kreml über den sowjetischen UNO-Delegierten seine Fühler zu Verhandlungen aus, die später zur Aufhebung der Blockade führten. Diese Vorgänge waren aber in jenen Wintertagen noch niemandem bekannt. Im Gegenteil glaubten viele Beobachter, daß Blockade und Luftbrücke die Spannungen immer mehr verschärfen und schließlich doch zu einem neuen Krieg führen würden.

In dieser Zeit, etwa am 7. Januar 1949, rief ein höherer Beamter der französischen Stadtkommandantur von Berlin den ihm flüchtig bekannten Redakteur Sch. vom Sowjetzonen-Nachrichtendienst ADN im Büro an. Sch. galt in Berlin als Journalist, der zwar auf der kommunistischen Seite arbeitete, aber, trotz der vergifteten politischen Atmosphäre in der Stadt, zu vernünftigen Diskussionen bereit war. Der französische Beamte forderte Sch. auf, doch einmal zur Kommandantur nach Frohnau zu kommen, "damit man sich einmal aussprechen kann". Der Journalist war nicht wenig überrascht, diese Einladung zu erhalten. Die Beziehungen des ADN zu den westlichen und insbesondere zu den französischen Stellen waren nichts weniger als herzlich. Auch nur offizielles Pressematerial von den Franzosen zu erhalten, war für die im Ostsektor arbeitenden Pressevertreter so gut wie unmöglich. Trotzdem nahm er die Einladung an.

Zwei Tage später fand er sich um die Mittagsstunde in Frohnau ein. Er wurde von dem Beamten bereits am Eingang des Hauptgebäudes der französischen Militärregierung erwartet, ein überaus ungewöhnlicher Vorgang. Der Beamte eröffnete ihm, daß einer seiner Kollegen der Unterhaltung beizuwohnen wünsche. Wenige Sekunden später wurde er Sch. vorgestellt: es war Jean de Noblet, der politische Berater General Ganevals.

Der Journalist war sich darüber im klaren, daß die Zusammenkunft einen besonderen Charakter haben müsse. Wie wäre es sonst möglich gewesen, daß ein Mann in der Stellung de Noblets einen ihm völlig unbekannten Sowjetzonenredakteur Zeit opferte, nur um eine politische Diskussion zu führen. Die Unterredung – in französischer Sprache – bewegte sich bald auf das Thema Nr. 1, die Blockade, zu. In vorsichtigen Wendungen ließ de Noblet zunächst durchblicken, daß er zwar die sowjetischen Maßnahmen mißbillige, aber auch mit dem Verhalten der Amerikaner keineswegs einverstanden sei, da sie durch ihr "herausforderndes Auftreten" die Spannung "unnötig verschärften". Er versicherte, daß er keineswegs einen Auftrag habe, mit sowjetischen Stellen direkt zu verhandeln, daß es aber andererseits "nichts schaden kann", wenn die in diesem Gespräch auftretenden Überlegungen den Sowjets zur Kenntnis gebracht würden. Vielleicht ergäbe sich daraus die Möglichkeit "zu einer direkten Fühlungnahme", die ja "mit einem Telefongespräch" herbeizuführen wäre.

Sch. war sich im klaren, was Noblet meinte. Dieser wollte sich zwar weder direkt engagieren, noch voreilig bloßstellen und den Sowjets eine politische Propagandawaffe in die Hände geben, andererseits aber doch versuchen, auf diesem Umweg mit den Russen ins Gespräch zu kommen. So lenkte Sch. die Unterhaltung auf die konkreten Tatbestände der Blockade und erfuhr zu seinem nicht geringen Erstaunen, daß nach Ansicht de Noblets folgende Lösung zu finden wäre: 1. allmähliche Aufhebung der sowjetischen Abschnürungsmaßnahmen; 2. Einführung der Ostmark als alleiniger Währung in ganz Berlin; 3. Auflösung des gewählten Westmagistrats und des ernannten Ostmagistrats, Neuwahlen und Beteiligung der SED an der künftigen Berliner Regierung. Die beiden letzten Bedingungen entsprachen ziemlich genau den Forderungen, die die Sowjets vor und während der Blockad; ständig erhoben hatten. De Noblet war also der Auffassung, das Berliner Wirtschaftsgebiet alle praktisch in das der Ostzone eingegliedert werden als Konzession dafür, daß die Sowjets ihre illegalen Maßnahmen gegen Westberlin einstellten.

Bemerkenswert an der Unterredung war, daß der französische Diplomat mit unverhüllter Geringschätzung von den gewählten Organen der Berliner Bevölkerung sprach. "Meine Regierung wird nicht um des Herrn Reuter willen einen Krieg mit der Sowjetunion zulassen", rief er einmal aus. Die etwa anderthalbstündige Unterhaltung endete mit der gegenseitigen Versicherung, daß man voneinander hören werde und jeder "sein Bestes" tun wolle, um der unerquicklichen Lage in Berlin ein Ende zu bereiten.