Mit des freien Mannes Gurgel ist nicht zu spaßen. Fast scheint es, als säße der Patriotismus dicht hinterm Kragenknopf. Nicht nur in Deutschland, wo es noch vor zwei Monaten eine heftige Antialkohol-Aktion gab, die dann aber von einer Weinwerbewoche abgelöst wurde, bei der Bundesminister Niklas mit trankfesten Erkenntnissen aufwartete. Nach dem ersten Weltkrieg gab es ähnliches: in den IV.-Klasse-Wagen der Reichsbahn machte nicht nur die Innere Mission auf sich aufmerksam, sondern bunte Werbesprüche wie "Deutscher, meide den Alkohol" und "Deutsche, trinkt deutschen Wein" hingen friedlich nebeneinander und appellierten an das gleiche vaterländische Herz – freilich in sehr unterschiedlichen Brüsten ...

In Frankreich hat in diesen Tagen eine ähnlich kabarettistische Guerilla ihr freundliches Ende gefunden. Um die Klärung der Frage, ob man Coca-Cola – unbeschadet an Leib und Seele und ohne sein Franzosentum zu verleugnen – in erfrischender Absicht genießen dürfe, rangen außer dem Pariser Untersuchungsrichter die französischen Kommunisten, einige Gruppen von Weinbauern, das Gesundheitsministerium und sogar die Nationalversammlung. Von hinten nach vorn gelesen, ergibt sich die ungefähre Reihenfolge der Zuständigkeiten respektive Kombattanten, die sich im Eifer der Argumente so erhitzten, daß das "Nationalgetränk" der amerikanischen Befreier verschiedentlich als gesundheitsschädlich bezeichnet wurde. – "Coca-Cola ist einwandfrei und entspricht in jeder Hinsicht den lebensmittelrechtlichen Bestimmungen", entschied der Pariser Untersuchungsrichter, und amerikanische Nachrichtenagenturen kabelten es in alle Welt, nicht zuletzt ins eigene Land, denn die Bürger der USA waren bereits im Begriff, ernsthaft am Verhalten des atlantischen Nachbarn Anstoß zu nehmen. Jedes Land hat schließlich sein Renommee. Der Bürger der Seine hat allen Grund zu der Annahme, daß der Charme der Französin nirgends auf der Welt in Zweifel gezogen wird, und kein Amerikaner kann eben begreifen, weshalb nur Franzosen das nicht trinken sollen, was jeder Amerikaner sozusagen immerzu trinkt.

Die Konsequenzen einer strengen Föderalisierung der flüssigen Labsale wären ja auch unheimlich. Es wird notfalls verstanden werden, wenn eine Diktatur in der Bevorzugung schottischen Whiskys (vor heimischem Wodka) eine kapitalistische Entgleisung erkennt; kein Engländer wird aber gestatten, daß man ihn für einen verkappten Bolschewisten hält, weil er gern einen unverdünnten Wodka kippt. Deutschland hat ohnedies bereits die Demokratie für die Gurgel gewählt, Coca-Cola einschließlich. Vom befehlsgemäß gechlorten Trinkwasser abgesehen. –r.