Die Abberufung des amerikanischen Botschaft ters in Moskau, Kennan, die einer groben sowjetischen Note und der Erklärung Kennans zur "persona ingrata" folgte, kann sich leicht als eines jener tragischen politischen Ereignisse erweisen, denen weitere und schwerere Tragödien folgen. Kennan war auf seinem Moskauer Posten zwar nicht eben ein Exponent der Versöhnung – denn von Versöhnung zu reden, wäre in diesem extremen Stadium der Auseinandersetzung zweier grundverschiedener Systeme nicht am Platz – er war aber jedenfalls der prominente Exponent jener Richtung der amerikanischen Politik, die an die Möglichkeit eines Nebeneinanderlebens der liberal-kapitalistischen westlichen und der zwangskommunistischen östlichen Welt glaubte und darauf eine Politik auf lange Sicht aufbauen wollte. Kennan hatte, schon ehe er vor einem Jahr nach Moskau ging, mit großer Eindringlichkeit vor dem Weltbeglückungs- und Kreuzzugsgeist gewarnt, dem die Amerikaner in ihren politischen Auseinandersetzungen leicht zu verfallen pflegen und der zu der Auffassung verleitet, man könne einen "letzten Krieg" zur Beendigung aller Kriege und zur Herstellung einer einheitlichen fromm-demokratischen Welt führen, ein Versuch, der wegen seiner inneren Absurdität schon zweimal gescheitert ist.

Auf die Herausforderung zur Abberufung Kennans hat die Washingtoner Regierung zwar mit Mäßigung geantwortet. Sie hat sich mit der Feststellung begnügt, daß die sowjetischerseits beanstandete Äußerung Kennans, als Diplomat lebe man in Moskau ebenso beengt wie während des Krieges in der Internierung des Dritten Reichs, durchaus der Wahrheit entspricht, und hat im übrigen darauf verzichtet, Gegenmaßnahmen zu ergreifen und etwa nun ihrerseits die Abberufung des Sowjetbotschafters in Washington zu fordern. Dennoch wird der Zwischenfall die ohnedies beinahe schon unerträgliche Spannung weiter erhöhen und im amerikanischen Volk wie in der übrigen westlichen Welt die Auffassung verstärken, daß mit dem Kreml fein modus vivendi in gar keiner Form möglich ist. Das heißt aber nochmals Verschärfung auf der ganzen Linie, und zwar gerade auch von amerikanischer Seite, mit allen ihren Folgen.

Die Frage, warum die Sowjets, denen das nicht unbekannt sein kann, diese Krise inszeniert haben, ist nicht leicht zu beantworten. Daß die Abberufung Kennans aus Verärgerung über seine Kritik des Moskauer Diplomatenlebens verlangt wurde, ist nicht wahrscheinlich, obwohl man bei einem Regime wie dem sowjetischen immer in Betracht ziehen muß, daß der "Führer" plötzlich sagt: "Jetzt ist es aber genug, jetzt schmeiß ich den Kerl hinaus." Auch die verschiedentlich ausgesprochene Vermutung, die Sowjets hätten sich des Rußlandsexperten Kennan entledigen wollen, hat nicht viel für sich, denn diese seine Eigenschaft war der Sowjetregierung wohl bekannt, als sie seinerzeit das Agrément für ihn erteilte. Man muß daher annehmen, daß den Moskauer Machthabern im gegenwärtigen Stadium die ganze Richtung Kennan als solche nicht paßt. Um die Spannung des kalten Kriegs aufrechtzuerhalten und womöglich noch zu verschärfen, weil aus ihr allein die Bereitschaft der eigenen Bevölkerung zu immer weiteren Entbehrungen und Unterwerfungen entspringt, braucht man das Bild eines kriegslüsternen Gegners, wie ihn jetzt auf dem Parteikongreß Malenkow zeichnete, nicht aber das eines abgeklärten, auf einen modus vivendi bedachten Weisen. Denn nur am Anblick des Feindes entzündet sich die politische Leidenschaft.

Es kommt sicherlich die Absicht dazu, Amerika gegenüber mit betonter Stärke oder, besser gesagt, Grobheit in einem Augenblick aufzutreten, in dem man versuchen will, die Differenzen zwischen den kapitalistischen Ländern zu schüren, von denen Stalin zu hoffen scheint, daß sie ihm sein Spiel um die Weltmacht erleichtern werden. Deshalb werden ja auch schon freundlichere Worte an die englische und französische Adresse, ja sogar über Deutschland und Japan laut, die allesamt mehr oder weniger als Opfer der "amerikanischen Aggression" dargestellt werden. So verbinden sich im Falle Kennan innen- und außenpolitische Gesichtspunkte: man sucht im russischen Volk den Krampf des Verteidigungswillens gegen den Westen zu stärken und ihn bei den Westvölkern, die sich als Opfer der amerikanischen Politik betrachten sollen, zu schwächen. W. F.