Die Regierungen von Dänemark und den Vereinigten Staaten haben bekanntgemacht, daß ein großer moderner Flughafen, der gleichzeitig ein amerikanischer Luftstützpunkt sein wird, in Thule an der Nordwestküste des zu Dänemaik gehörenden Grönland auf 77 Grad nördlicher Breite in Betrieb genommen ist. Damit hat ein neuer Abschnitt in der Geschichte der Arktis begonnen. Nachdem so die Arktis für den Luftverkehr erschlossen worden ist, wird dieses Gebiet eine wesentliche Rolle in der militärischen Planung eines künftigen Luftkrieges spielen. Wenn die Vereinigten Staaten und im gleichen Maße die Sowjetunion bemüht sind, die Zahl ihrer für den Einsatz im strategischen Luftkrieg geeigneten Flugzeuggeschwader ständig zu vergrößern, dam spielt hierbei die Tatsache eine große Rolle, daß sich durch die erhöhte Fluggeschwindigkeit und die Verkürzung der Flugstrecken bei Benutzung des arktischen Luftweges die Aussichten erfolgreiche Angriffe auf lebenswichtige Industriezentren des Gegners für beide ständig verbessern. Zehn groß; Industriegebiete der Welt, deren Produktion für den Erfolg in der Kriegführung wichtig ist liegen nördlich des 35. Breitengrades: Japan, Zentralsibirien, der Ural, Moskau, das Don-Gebiet Westeuropa, England, die nordöstlichen und nordwestlichen Teile der Vereinigten Staaten sowie ein großer Teil des Industriegebietes in amerikanischen Mittleren Westen. Die Zerstörung amerikanischer Industriezentren in einem strategischen Luftkrieg kann russischerseits auf zwei Wegen erfolgen: einmal von Ostsibirien über Alaska Und sodann von Nordrußland über die Arktis. Während die Benutzung des ersten Weges durch zahlreiche amerikanische Luftstützpunkte in Alaska und auf den Aleuten verhindert werden soll, ist Thule der stärkste Vorposten in dem Verteidigungssystem gegen Angriffe aus der Arktis. Hierin liegt für die Vereinigten Staaten die Hauptbedeutung Thüles, denn für Offensivmaßnahmen gegen russische Industriegebiete stehen den USA viele andere Luftstützpunkte in den Ländern der Nordatlantikpakt-Staaten, in Nordafrika und in Japan zur Verfügung, die günstiger zu den Zielen in der Sowjetunion liegen.

Thule ist in dem arktischen Verteidigungssystem der am weitesten nach Norden vorgeschobene Luftstützpunkt der USA, der nur 1500 Kilometer vom Nordpol und 2400 Kilometer von dem vermuteten russischen "Thule" auf der Rudolf-Insel des Franz-Joseph-Land-Archipels entfernt ist. Die Flughäfen in Narsarssuak in Südgrönland und an der Frobischerbai im Südosten der Baffin-Insel sind die Hauptstützpunkte für die zweite Luftverteidigungslinie, während in der dritten Verteidigungsstellung die Flughäfen auf Labrador, vor allen an der Goosebai, und die Flugstützpunkte auf Neufundland die wichtigste Rolle spielen. Ihnen schließen sich weiter nach Süden die Flugplätze in Maine an, dem nördlichsten Staat der USA, die zu beiden Seiten von dem kanadischen Luftverteidigungssystem auf der Linie Ottawa, Montreal, Quebec, Halifax flankiert werden. Erst nach Passieren dieser vier Verteidigungszonen könnten russische Flugzeuge in die nordöstlichen Vereinigten Staaten und nach New York gelangen, dessen Entfernung von Thule etwa 4000 Kilometer beträgt.

Zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada besteht eine enge Zusammenarbeit bei der Errichtung dieses arktischen Verteidigungssystems. Dies ist für die USA schon deshalb notwendig, weil alle dem Norden des amerikanischen Kontinents vorgelagerten Inseln zu Kanada gehören. Von der Nordspitze der Insel Ellersmere Land, wo sich die nördlichste gemeinsame Wetterbeobachtungs- und Radarstation "Alert" befindet, erstreckt sich ein Netz solcher Stationen bis zum kanadischen Festland. Durch den Unfall eines amerikanischen Bombenflugzeuges erhielt die Öffentlichkeit zum erstenmal davon Kenntnis, daß die amerikanische Luftwaffe auch auf einer schwimmenden Eisinsel etwa 200 Kilometer südlich vom Pol eine ständig besetzte Wetterstation T-3 eingerichtet hat, die von Thule auf dem Luftweg versorgt wird. Diese Fletcher-Insel erhielt ihren Namen nach dem Luftwaffenkommandeur der Forschungsgruppe in Thule, Oberstleutnant Fletcher.

Ein anderer Unfall eines englischen viermotorigen Transportflugzeuges, das bei einem Versorgungsflug für die Teilnehmer einer englischen Nordgrönland-Expedition auf dem Inlandeis eine Notlandung vornehmen mußte und dessen Besatzung unter dramatischen Umständen von amerikanischen Flugzeugen aus Thule gerettet wurde, war der letzte Anstoß für den Entschluß der amerikanischen und dänischen Regierung, das über Thule gebreitete Geheimnis zu lüften. Eine weitere Geheimhaltung war ohnehin überflüssig geworden, nachdem eine russische Funkstation seit Monaten sich laufend in direkten Sendungen in englischer Sprache zwischen 6 Uhr abends und 2 Uhr morgens durch eine Frau an die in Thule stationierten Luftwaffenangehörigen und Arbeiter wendet. "Moskau-Molly" – wie sie von den Amerikanern genannt wird – zeigt bei diesen Sendungen eine verblüffende Kenntnis von den persönlichen Verhältnissen der Arbeiter und Soldaten sowie von dem Stand der Bauarbeiten, die den Russen nur durch eine in Thule befindliche Spionageorganisation auf dem Funkweg übermittelt werden kann. Nachdem die militärische Geheimhaltung sich auf diese Weise von selbst erledigt hat, ist die amerikanische Regierung offenbar bestrebt, die Kenntnis von der militärischen Bedeutung Thüles in einem Luftkrieg und von seiner zivilen Bedeutung für den interkontinentalen Luftverkehr, allein schon im Hinblick auf die gewaltigen Baukosten, mit denen sich bereits ein Untersuchungsausschuß des Senats beschäftigt, einem möglichst großen Kreis der Bevölkerung zu vermitteln. Diesem Zwecke diente ein Ende September durchgeführter zehnstündiger Rundflug von Thule über "Alert" und "T-3" nach dem Nordpol, an dem neben Vertretern der dänischen, amerikanischen und kanadischen Regierung achtzehn amerikanische und dänische Journalisten teilnahmen.

Die unter dem Namen Scandinavian Air Lines System operierende gemeinsame Luftverkehrsgesellschaft Schwedens und Dänemarks wird im November zwei von ihr gekaufte neue Passagierflugzeuge Douglas DC-6B von Los Angeles über San Franzisko, Edmonton (Kanada) und Thule nach Kopenhagen überführen lassen. Diese 10 100 Kilometer lange Strecke ist 2500 Kilometer kürzer als der Luftweg über New York und den Nordatlantik. Im April nächsten Jahres soll dann ein regelmäßiger, wöchentlich dreimaliger Dienst auf dieser arktischen Linie stattfinden. Gleichzeitig eröffnet die Part American World Airways einen regelmäßigen Flugdienst via Thule, Damit wird dann die einstige kleine Eskimosiedlung zum Mittelpunkt des interkontinentalen Luftverkehrs zwischen Europa und der Westküste Nordamerikas werden. Ernst Krüger