Er ist doch wohl nicht tot, der große Pan; er ist nur ausgewandert, an das Mississippi-Delta, nahe bei New Orleans, der Stadt, wo eine Straßenbahn fährt, deren Endstation "Sehnsucht" heißt. Dort hat ihn der amerikanische Dichter Tennessee Williams aufgespürt (derselbe, der jener Straßenbahn ihr morbides Lied nachsang), in einem Ort, wo fast nur Sizilianer leben. Es ist ein brütendes Klima dort, wie in sizilischen Sommern an der Küste, und die Männer und die Frauen werden von dem puritanischen Geist des nördlicheren Amerika kaum gestreift. Auch die Kirche, ihre heimische katholische Kirche, kann die barbarische Sinnlichkeit und den leicht entfesselten Zorn in ihnen nur wenig bändigen. Sie haben Angst vor dem bösen Blick, feilschen mit der Madonna um ein Zeichen ihrer Gunst und haben den auftrumpfenden Stolz von Parias.

Mit einer Einfühlungskraft, die bisher bei keinem anderen als bei Gerhart Hauptmann in der Bühnendichtung möglich schien, schlägt Tennessee Williams aus diesem in die Neue Welt versprengten Stück Alt-Europa dramatisches Feuer. Seine Menschen, strotzend von Leben gerade in ihrer Anfälligkeit für die Mächte des Triebes, in ihren Schwächen und Halbheiten, haben vor den beziehungsreichen Figuren, mit denen sonst das heutige Theater (bei Eliot und Anouilh, bei Christopher Fry und Dürrenmatt) den denkenden Geist fasziniert, die Einmaligkeit voraus, das Nichtanderskönnen, das Schwingen in Temperamenten. Auch ihre Welt ist voller Symbole, aber es sind ihre Symbole, nicht die des erfindenden Dichters. Seinen Namen (The Rose Tattoo) trägt das Stück nach jener Rose, die der Lastwagenfahrer Rosario delle Rose sich auf die Brust hat tätowieren lassen. Für seine Frau Serafina in ihrer blinden, besessenen Liebe wird das eine magische Figur: wenn die Blume auf ihrer Brust erscheint, zeigt sie Empfängnis an. Rosario wird beim Grenzschmuggel erschossen, und Serafina verbohrt sich zwei Jahre lang in einen stumpfen Kult des Toten. Als dann aber ein junger Fahrer, der in ihre Wohnung platzt, sich abermals – als unverschämte Huldigung – eine rote Rose in die Brust hat eintätowieren lassen, macht ihn das unwiderstehlich für sie. Die Rose ist die Blume der nur sinnlichen, mit allen Nerven ausgekosteten Liebe – und doch eine Himmelslotin, die sich vor der Muttergottes nicht zu schämen hat. Die Frauen da am Golfstrom haben den großen Pan mit sich genommen in das neue Land. Sie zählen jubelnd die Liebesnächte, den Bajaderen gleich, die ein junger Gott besucht.

Es kommt aber auch ein zivilisierter Amerikaner in diese archaische Welt: ein wohlerzogener Matrose der US-Navy, der sich in Serafinas fünfzehnjährige Tochter verliebt. Wie erschrickt der brave Junge, als die Mutter ihn zwingt, vor der Madonna zu schwören, daß er die Unschuld des – Mädchens respektieren wird – und in welche Bestürzung gerät er, als dann das Mädchen über seinen Respekt empört ist! Eine unverständliche, eine exotische Welt für ihn, dieses christliche, rein: vorchristliche Sizilien!

Auf Tennessee Williams’ Dramen paßt keine Formel. Die Grundstimmung von "Endstation Sehnsucht" war decadence. Hier ist es Unbefangenheit, großartige, maskenlose Naivität. Dort kommen Liebende nur aus Verzweiflung und letzter Gier zusammen – hier aus überströmender Vitalität. Dort sind sie stumm und verschlossen, hier offenherzig bis an die Grenze der Schamlosigkeit – bis an eine letzte Grenze, die ihnen nicht die Sorge ihres Autors um die Prüderie seiner Zusciauer, sondern ihr eigener Sinn für Maß und Würde zieht.

Diese Dichtung in Deutschland auf die Bühne zu bringen, war riskant – nicht vielleicht wegen der Anstößigkeit (die in England den Zensor ernstlich beunruhigt), sondern weil es sehr schwer ist, die Unbefangenheit zu treffen, in der alles Gewagte natürlich wird.

Die erste deutsche Aufführung (am Hamburger Thalia-Theater) hatte das große Glück. Leo Mittler, erfahren in Dingen des amerikanischen Tleaters, trieb das, was sonst auf gemächlichere Töne gestimmt ist, auf jene Heftigkeit, Lautstärke und schnelle Gebärde, die über die seelische Lokalisierung keinen Zweifel ließ. An die Serafina – eine Anna Magnani-Rolle – hatte die kluge und wirkungssichere Inge Meysel so viel ehrfürchtige Detailarbeit gewandt, daß der Zuschauer mehr und mehr vergaß, wie wenig vulkanisch das Naturell dieser Darstellerin von Hause aus ist. (In Berlin wird man bald, unter der Regie von Otto Kurth, Lucie Mannheim in dieser Super-Rolle sehen dürfen.)

Eine Woche zuvor hinterließ die Aufführung von Garcia Lorcas beklemmender spanischer Haremstragödie "Bernarda Albas Haus" im Deutschen Schauspielhaus (eine von Peter Hamel mit Finesse auf scharfe Bewegung gestellte Aufführung, in der schauspielerisch die elementare junge Inge Brücklmeier dominierte) den Eindruck, daß nur ein Romane fähig ist, die unter der Kruste der Sitte schwelende Sexualität der mittelmeerischen Frauen angemessen zu schildern. Nun, bei Williams zeigte sich, daß das auch einem Dichter englischer Abstammung gelingen kann. Weil eben Amerika ein Mikrokosmos aller europäischen Völker ist. Und weil Tennessee Williams die ganze Weite dieser Welt auszumessen und allen ihren schrillen Dissonanzen die Melodie des Mitleidens abzuhören weiß. Er ist unter den Heutigen der Szeniker ohnegleichen – der Magier, der mit seinem Hammer die Steine klingen lassen kann, Poet in vulgärster Prosa, Lyriker noch im barbarischen Sprachchaos der Golfstromsizilianer.

Christian E. Lewalter