Von Karl Willy Beer

Nachdem Berlin ein zweites Mal einen ganzen Monat hindurch Festspiele geboten hat, wird die Frage dringlich, ob das Kapitel "Berliner Festspielwochen" in das Thema "Festspielkrankheit" allgemein eingeschlossen werden soll. Wohl wollte Berlin niemals zu Salzburg und Edinburgh und zu mancher anderen traditionsmächtigen Stätte eine neue Konkurrenz fügen, sondern die insulare ehemalige deutsche Hauptstadt wollte mit ihren Festwochen immer etwas anderes’sein: nämlich Schaufenster des gesamten geistigen Westens im vorgeschobenen östlichen Raum. – Über das Bedeutendste, was an Balletten und musikalischen exquisiten Ereignissen in diesem zweiten Festspielmonat geboten wurde, ist in der "Zeit" bereits gesprochen worden. Drei große Ballette aus aller Welt waren in der Stadt, stürmisch begrüßt auch von Ostberlinern: das New York City-Ballett, das Londoner Sadler-Ballett und Indiens großartige Tanzgruppe Ramon Gopal. Rennerts gewichtige Hamburger Inszenierung der neuen Strawinsky-Oper "Das Leben eines Wüstlings" wurde in der Berliner Städtischen Oper mit Respekt bemerkt, und Berlin selbst hat mit Blacher-Cramers "Preußischem Märchen", einer witzigen Köpenikiade, dem Musiktheater eine neue komische Oper geschenkt.

War der erste Höhepunkt der Einzug von Gershwins Neger-Volksoper "Porgy and Bess" ins abendländische Berlin gewesen, so trug das zweite Ereignis besonderer Art einen genau entgegengesetzten Charakter: Jean Vilars Pariser "Théâtre Populaire" brachte Corneilles "Le Cid" und Kleists "Prinz von Homburg" nach Berlin. Mancher mochte bisher geglaubt haben, daß Corneilles "Cid" für Frankreich allein eine Art literarische Reliquie, für das übrige Europa aber nicht viel mehr als romanisches Literaturkapitel sei. Vilars exemplarische Inszenierung jedoch, die die riesige Bühne des Berliner Schillertheaters souverän zugunsten des Wortes allein mißachtete, hat handgreiflich gemacht, daß selbst das Handikap der fremden Sprache wunderbar überwindlich ist. Aber mehr noch als in dieser szenischen Wiedererweckung der französisch-klassischen Historiendramas leistete das Pariser Theater mit seiner Neuentdeckung des "Prinz von Homburg" für die moderne Bühne. Die Berliner hatten hier eine noch frische Vergleichsmöglichkeit, da das Schillertheater selbst voriges Jahr sich dem Prinzen mit wenig geistiger Souveränität und viel Schwerfälligkeit genähert hatte. Diese Berliner waren es, soweit sie das Glück hatten, an diesem einen Berliner Abend dabei zu sein, die glaubten, einem solchen Kleist zeit ihres Lebens noch nicht begegnet zu sein: einem, wenn man will, erschwerten, vergeistigten, verzauberten Kleist. Es war natürlich, daß man dem französischen Hauptdarsteller, dem freilich unvergleichlichen, durch viele Filme längst bekannten Philip Gerard enthusiastisch zujubelte. Für beide, den "Cid" und den "Prinzen" hatte er Gestalt, Hoheit, Wuchs und Fülle der Jugend von selten nachdrücklichem Schmelz mitgebracht; aber dem gestalterischen Kopf Jean Vilars, dem Erwecker und Spielführer der Szene, dankte man das größere Erlebnis: Er machte klassisches Theater wieder zur gegenwärtigen Faszination.

Von den deutschen Mitgestaltern der Berlin-Festspiele hatte in diesen Septemberwochen nur noch einer ähnliches Format: Jürgen Fehling, der "Maria Stuart" im Schillertheater inszenierte und dabei die großen Leidenschaften der Königinnen gewalttätig und mitleidslos aufeinanderprallen ließ. Ganz anders verfuhr Karl Heinz Stroux im Steglitzer Schloßparktheater. Er bot Giraudoux’ letzte dramatische Hinterlassenschaft "Sodom und Gomorrha", das bittergallige Diskussionsstück um das Verhältnis Mann und Frau als einen Beitrag der deutschen Auffassung eines modernen französischen Intellekts. Doch die Aufführung blieb zwiespältig, um so mehr, als mit Maria Wimmer sich die führende Frauengestalt des Stückes eine sprachlich und darstellerisch gleichermaßen erdrückende Überlegenheit erspielte.

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Im gleichen Theater wurde der Festspielmonat noch mit Christopher Frys letztem mythologischem Stück "Der Erstgeborene" verabschiedet. Wenngleich in dieser dramatischen Schau des großen englischen Dichters von der Wiederkehr des Moses und seiner Heimholung Israels gerade die aktuellen Bezüge handgreiflich sind, hatte Boleslaw Barlog, der in Deutschland immer die erste Hand an die bisherigen Stücke von Fry gelegt hat, diesmal nicht die volle Kraft, in die schöne Sprache mit den tausend Gleichnissen das große szenische Leben zu hauchen. Die heimgekehrte Tilla Durieux war in einer Hauptrolle da, und Ernst Deutsch spielte den Moses, aber teils wurde zuviel gespielt, und teils stand trotz aller Mitspieler nur jeweils ein Deklamierender auf der Bühne.

Und doch bleibt nach so viel Lobenswertem die Frage: War es wirklich ein gutes, ein werbendes Schaufenster, was die Berliner Festspiele ausstaffiert hatten? Wer das viele andre, was hinzutrat: die schöne Ausstellung der franzöischen Malerei der Gegenwart, die Härtung-Ausstellung, die vielen Ausstellungen der privaten Galerien, die rührige Bemühtheit der avantgardistischen "Tribüne", die Experimente, die Dichter-Lesungen, die mit guten europäischen Köpfen besetzten Gespräche über Literatur, Kunst, Musik, Theater – überschauen will, der wird erschöpft urteilen müssen: es war zuviel, zu vieles und zu lang gedehnt. Und da so vieles war, mußte nicht weniges gering geachtet werden. Es bleibt das Resümee, daß die großen Eindrücke aus Amerika und aus Frankreich kamen...