Offen gestanden – die Einladung zum Besuch eines Sport-Brains-Trust machte mich ängstlich, und selbst die Tatsache, daß man sich in dem britischen Kultur-Zentrum „Die Brücke“ treffen würde, war keineswegs dazu angetan, die Sache anziehender erscheinen zu lassen. Doch ganz so schlimm, wie befürchtet, wurde es nicht. Eine charmante Dame – Deutschlands Olympiakämpferin, Frau Gertrud Kille-Schlüter – und fünf Herren: Hans W. Meidinger, Sportjournalist (diesmal als „Question-Master“ tätig), Hans A. Goerne, Vorsitzender des Hamburger Hockey-Verbandes und alter repräsentativer Nationaler, Dr. Herbert Tübben, Oberregierungsrat bei der Hamburger Polizei und mehrfache: Hamburger Tennismeister, Dr. Hans-Heinrich Sievert, jetzt Amtsgerichtsrat und einst Deutscher Zehnkampfmeister, sowie Hans Scharnweber‚ Verlagsleiter, nahmen auf der Bühne Platz, und zu ihren Füßen saßen etwa 70 interessierte Zuhörer, jeglichen Geschlechtes und jeglichen Alters. Gespannt darauf, was nun diese Weisen des Sports ihnen auf die Fragen antworten würden, die Tage zuvor in den Briefkasten der „Brücke“ geworfen worden waren.

War nun das, was man zu hören bekam, der Weisheit letzter Schluß? Schwerlich, und die Mitglieder dieses sportlichen „Gehirn-Trustes“, die sich mit Anstand und Humor aus der Sache zogen, werden dieser Ansicht auch nicht sein. Immerhin wurden etwa fünfzehn Probleme diskutiert und Langeweile kam nicht auf. Frage 1 stieß mitten ins deutsche Fußballherz: „Warum haben Fußballspieler so häufig Zigarrenläden?“ Aus unbekannten Gründen waren die erwarteten kompetenten Vertreter dieses volkstümlichen Sports der Sitzung ferngeblieben. So blieb diese indiskrete Frage offen. Fußball war noch mehrfach gefragt, so etwa, ob es richtig sei, aus der Aufstellung unserer Nationalmannschaften ständig ein großes Geheimnis oder sogar eine Wissenschaft zu machen, ob es nicht empfehlenswert wäre, das Deutsche Meisterschaftsspiel stets in einer Stadt – Berlin wurde namentlich genannt – austragen zu lassen, ob der Sachverständige oder der Laie mehr Gewinnaussichten im Toto habe, und schließlich, was zum Vollprofitum zu sagen sei. Zum Fußballtoto hätte der „Question-Master“ zusätzlich gern gewußt, ob die in den Zeitungen veröffentlichten Tips reiner Schwindel, großer Bluff oder nur Angabe seien? Da selbst er darauf keine Antwort wußte – und wer hätte es sonst in diesem Kreise wissen können? –, herrschte spürbar im Zuhörerraum eine große Enttäuschung. Diese Frage zu klären, wäre wirklich verdienstvoll gewesen. Berlin als ständige Endspiel-Stadt fand große Sympathien.

Eine Frage, die einmütig beantwortet wurde, betraf die Damen-Ringkämpfe. „Großer Blödsinn“, „unbegreifliche Geschmacklosigkeit“, „noch nie hingegangen“, sind einige schnell aufgefangene Stichworte, wobei das „Noch-nie-Hingegangen“ sowohl von dem Polizeimann wie von dem Journalisten vernommen wurde, was immerhin bemerkenswert erscheint. Man kann es keinem Menschen mit gutem Geschmack verargen, sich davon fernzuhalten.

Die Frau spielte noch zweimal eine Rolle. Einmal wollte man wissen, ob Rennrudern für Frauen empfehlenswert sei. Der Gehirn-Trust konnte sich nicht dafür begeistern, denn Rudern ist Schwerathletik. Zweitens ging es um die Frage, warum die Leistungen eines Sportmannes erfahrungsgemäß absänken, sobald eine Frau in seinen Lebenskreis tritt. Hier nun stritt man vergebens, eine allgemein plausible Erklärung für dieses (im übrigen keineswegs erwiesene) Phänomen zu finden. Sollte es aber der Fall sein, so meinte Dr. Sievert, daß es niemals zu beklagen sei, denn ungleich wichtiger als der Sport und besondere Leistungen in ihm seien das Leben und die Ehe. Damit traf der alte Meister den Nagel auf den Kopf.

Schließlich wurde darüber gestritten, ob Sport Kampf oder Spiel ist, wann er ausartet und ob er überhaupt eine erzieherische Bedeutung habe? Darüber, daß Sport immer ein Spiel sein sollte, deshalb aber seinen kämpferischen Charakter, der nun einmal auch im Wesen jedes jungen Menschen liegt, nicht zu verleugnen braucht, dürfte es kann eine Meinungsverschiedenheit geben. Eine harmonische Mischung von beiden dürfte das Ideal sein, das alle anstreben sollten. Schwieriger ist schon die Frage nach dem erzieherischen Werte zu beantworten. Wird Sport allerdings so betrieben wie heute gemeinhin bei uns üblich, dürfte sein Wert in dieser Hinsicht gleich Null sein.

Es ist sehr schade, daß keiner unserer verantwortlichen Sportführer dabei war. Es bleibt der Wunsch, sie auch einmal in einem „Gehirn-Trust“ vereint zu sehen. Walther F. Kleffel