Ein traumhafter Erlebnisbericht aus dem Krankenhaus/Von Per Plex

Mit einer schweren Angina war ich ins Krankenhaus gekommen. Stationsarzt Dr. Mandel verordnete Penicillintabletten, und Schwester Tonsilla legte einen Wickel um meinen Hals. Ich bekam schmerzlindernde Tabletten, und dämmerte in einen Fiebertraum hinein, der damit begann, daß ich in einen Zustand des Schwebens versetzt und wie eine Qualle auf der Meereswelle sanft durch die Luft geschaukelt wurde.

Das ist der Urzustand, wollte ich frohlocken, als ich plötzlich in einen Sog geriet und fortgewirbelt wurde. Mit großer Geschwindigkeit ging es steil in die Höhe. Gemessen an den in Sekundenabständen vorbeiflitzenden Sternen mußte ich ein tolles Tempo draufhaben. Schnell war mir klargeworden, daß ich mich auf dem Flug ins Jenseits befand, und ich bedauerte nur, daß ich nicht in meinem neuen seidenen Pyjama dahinflog, sondern nur in einem rotpaspelierten, von unserer Hausschneiderin gefertigten Nachthemd. So kam ich in große Verlegenheit, als ich einige Meter unter mir ein weibliches Wesen entdeckte, welches anscheinend in meinen Sog geraten war. Höchst überflüssigerweise winkte sie mir zu, weshalb ich versuchte, meine offensichtige Lage durch Rudern mit Armen und Beinen ein wenig zu verbessern. Dies mißlang aber und ich verlor das Gleichgewicht, so daß meine Füße, jetzt vom Sog erfaßt, meinen Körper gewissermaßen hinter sich herzogen. Fürwahr, eine eigenartige Lage, in der mir zum Unglück auch noch mein Nachthemd über den Kopf rutschte, um wie die Fahne eines Parlamentärs, der sich den gegnerischen Linien zuwendet, hinter mir her zu flattern. Erstaunlicherweise spürte ich bei diesem Kopfflug keinen Blutandrang im Gehirn, woraus ich schloß, daß die Allseitigkeit im All überall ganz allgemein ist. Das war aber verfrüht geschlossen, denn im gleichen Augenblick verlor ich meinen Halswickel. Ich war sehr bestürzt, weil ich die Folge dieses Verlustes nicht übersehen konnte.

Allein, keine Lage ist so hoffnungslos, daß sie gänzlich ohne Aussicht wäre, und diese Aussicht hatte ich durch die Öffnung meines Nachtgewandes auf die unter mir fliegende Dame, die den Wickel aufgefangen hatte und ihn freudig bewegt durch die Luft, schwenkte. Es war Schwester Tonsilla, die dieses Kunststück fertiggebracht hatte. Sie tauchte denn auch im nächsten Augenblick an meiner linken Seite auf und legte mir das Tuch mit der größten Selbstverständlichkeit wieder um den Hals. Merkwürdig, mit welcher Präzision auch im Jenseits alles ineinander greift, dachte ich gerade, als ich auch schon von Dr. Mandel angesteuert wurde. Er hatte einen Scheinwerfer vor der Stirn, in dessen Lichtkegel ich geriet und geblendet wurde, zum Glück nur für wenige Sekunden, denn gleich darauf war er schon an meiner rechten Seite. Schweigend flogen wir zu dritt durchs All. Die Stille wurde aber allmählich so bedrückend, daß ich das Wort ergriff und den beiden erklärte, wie angenehm es sei, im geschlossenen Verband ins Jenseits zu fliegen. Mandel berichtigte mich sofort und sagte, im Jenseits gäbe es keine geschlossenen Verbände, sondern nur geschlossene Gesellschaften. Ich erschrak auf das heftigste und hatte durch einen kräftigen Lufttritt bereits einen respektvollen Abstand von den mich fliegend Beschattenden gewonnen, als Schwester Tonsilla mich in letzter Sekunde am Saum meines Nachtgewandes wieder zurückzog.

"Bleiben Sie gefälligst in unserer Mitte", flüsterte Dr. Mandel.

"Herr Doktor", sagte ich, "mir schwant nichts Gutes... ich habe Angst... wie vor einem Prozeß!"

"Weiß ich", entgegnete der Spezialist. "Es ist die Todesangst... klingt paradox, nicht wahr? Entspricht der Lebensangst der Lebenden. Wurde verursacht durch Entdeckung der Komplexe, in erster Linie durch den berühmten Minderwertigkeitskomplex. Haben fast alle Schemen, die das Jenseits befliegen... Kommen daher zunächst in die Vivisektorenstadt zur Psycho-Anatomie!"