Die Zeit, die alle Wunden heilt, um sie wieder aufzureißen, ist sich mit sich selbst darüber einig, daß es feine Leute nicht mehr gibt. Selten ist ihr eine Erkenntnis so leicht gefallen wie diese, denn mit Widerspruch ist nicht zu rechnen. Wer einst in einem Landauer mit zwei Rappen spazierenfuhr, während die Gattin sich mit einem Schirmchen aus weißen Spitzen vor der Sonne schützte, war ein feiner Mann. Das äußere Zeichen war unverkennbar, man ließ es gelten, und wer Lebenskraft in sich fühlte, der nahm sich vor, auch so einer zu werden. Das war der Weg von unten nach oben, hinauf zur steilen Höh’, wo nicht nur Fürsten, sondern auch Kommerzienräte standen. Heute verlaufen alle Wege flach, das Leben ist leichter geworden, obwohl es uns allen viel schwerer vorkommt als damals. Die soziale Einebnung hat alle altmodischen Verkehrshindernisse fortgeräumt, wir sind gleich geworden; der soziale Neid muß verschlungenere Pfade wählen, um auf seine Kosten zu kommen. Die feinen Leute sind wir los. Haben wir viel dabei verloren?

Man müßte ein rechter Narr sein, wenn man in der Verwandlung unseres gesellschaftlichen Aufbaus nicht eine tiefe Notwendigkeit sehen wollte. Kein Wort ist darüber zu verlieren, daß die sozialen Unterschiede, die noch vor zwei Menschenaltern unabänderlich schienen, dem Streben nach allgemeiner Wohlfahrt weichen mußten. Zwei Kriege haben ausgereicht, um auch die blindesten Augen zu öffnen. Indessen, was als Einrichtung verschwunden ist, kann sehr wohl als geheimes Ideal weiterleben. Wie massenselig auch die Lebensformen der Menschen geworden sind, wie unaufhaltsam die Verteilung jener Konsumgüter, die einst nur einer kleinen Schicht vorbehalten waren, sich auch ausbreitet, das "Feine" führt dennoch ein zähes Leben und hat immer noch die Kraft, die Hoffnungen und Vorstellungen der meisten Menschen mit Romantik auszustaffieren. Im Halbdunkel der Wünsche rumoren die Gespenster einer gehobenen Daseinsführung. In der Traumwelt geht es immer noch sehr luxuriös zu, selbst wenn die einst gottgewollten Träger der sozialen Unterschiede längst durch Filmstars und Schönheitsköniginnen ersetzt sind.

So wahr es ein unerschöpfliches Vergnügen ist, sorglose Frauen in hübschen Kleidern neidlos zu bewundern, so wahr ein Abendessen aus mehreren Gängen auf einem weißen Tischtuch besser schmeckt und menschenwürdiger ist als ein Schlag Graupensuppe aus der Feldküche, so wahr es auf der Eisbahn in St. Moritz schöner ist und kurzweiliger zugeht als in den Ruinen von Alt-Moabit, so wahr ein Pariser Abendkleid unserer Zivilisation mehr Ehre macht als der Trainingsanzug einer Trümmerfrau auf der Stalinallee, so wenig gibt es in Deutschland eine Gesellschaft im alten Sinne. Jeder Versuch, uns ihr Vorhandensein aufreden zu wollen, muß die Abwehr aller derjenigen hervorrufen, die dem deutschen Volk ein schmuckeres Leben und den deutschen Frauen angenehmere Existenzbedingungen wünschen. Wir haben viel eingebüßt, aber es bedurfte unserer Katastrophen nicht, um die "gute Gesellschaft" dahinzuraffen, denn sie war auch vorher nicht richtig da. Die Oberschicht hat in unserem Lande schlecht Widerstand geleistet und ist darum mühelos in der grauen Masse aufgegangen, die wir heute alle bilden. Sie hat weder Geschmack noch Schönheitssinn genug besessen, um uns Maßstäbe zu hinterlassen, noch hat sie ausreichend Manieren und Würde gezeigt, um eine Norm zu schaffen, die sich hätte behaupten können. Die Daseinsberechtigung einer höheren Schicht und der Sinn ihrer ausgesuchteren Lebensführung bestanden ja eben in der Fähigkeit, vorbildlich zu sein und eine Harmonie darzuleben, die den übrigen Schichten versagt war. Mit anderen Worten, eine Hierarchie war nur da möglich, wo es oben "richtiger" zuging als unten. Das setzte eine Regel, eine genaue Vorstellung von dieser "Richtigkeit" voraus, die in Deutschland schwach entwickelt war.

Andere Länder sind in dieser Beziehung glücklicher gewesen, und wenn die Einebnung auch vor ihnen nicht Halt gemacht hat, so haben die Reste des Gesellschaftlichen, die dort allenfalls noch zu finden sind, eine größere Glaubwürdigkeit als bei uns. Die späte nationale Einigung Deutschlands fiel mit einem massiven Anwachsen der wirtschaftlichen Prosperität zusammen. Vorher hatte der Schwerpunkt bei der Verwaltung, dem Offizierkorps und dem Grundbesitz gelegen, bei Gruppen also, die sich überwiegend zu einem kargen Lebensstil bekannten und nicht den Glanz eines üppigen Herrscherhofes hinter sich fühlten. Ihre Existenz als Elite nährte sich aus – Privilegien, nicht aus der Handhabung höfischer Sitte. Nur wenige unter ihnen konnten und wollten ein wirkliches Herrenleben führen, das kulturell befruchtend gewirkt hätte. Sie zogen weder den Geist noch die Künste an und ließen sich willig von den neuen Reichtumsformen, die mit dem Aufstieg der Industrie einbrachen, überschwemmen. Es mögen "herrliche Zeiten" gewesen sein, die über das neue Reich kamen, aber der Gesellschaft haben sie den Rest gegeben. Reiche Leute, selbst feine Leute konnten sich als Einzelfälle zur Not behaupten. Diese Einzelfälle mag es auch heute noch geben, obwohl es, vom Wirtschaftlichen aus gesehen, theoretisch unmöglich ist. Aber eine deutsche Gesellschaft – im Stile einer englischen oder französischen – besteht schon sehr lange nicht mehr. Wenn es sie überhaupt je gegeben hat, so ist sie ein Opfer des industriellen Reichtums und nicht der späteren Vermögensvernichtung geworden.

Aber vielleicht läßt sich auch ohne feine Leute nicht übel leben, obwohl ein natürliches Erbteil an Umgangsformen und Sinn für Maß und Takt nicht zu verachten sind. Die heutigen Besitzer großer Autos, schöner Landhäuser und diskreter Kunstschätze werden kaum verlangen, daß man sie als Elite ansehe. Unter ihnen sind viele Lebenskünstler und noch mehr schwer und redlich arbeitende Leute, aber weder sie noch wir denken im Traum daran, daß sie uns ein Vorbild sein und etwas zur Harmonisierung unserer Daseinsvorstellungen beitragen könnten. Jeder Versuch, wieder so etwas wie gesellschaftliche Formen aufzurichten, ist in unseren Tagen zu unfreiwilliger Komik verurteilt. Formen dieser Art waren nie unsere starke Seite, und heute sind wir schon froh, wenn unsere weibliche Begleitung an der Theatergarderobe nicht niedergetrampelt wird. Es ist auch mit dem besten Willen nicht einzusehen, daß es etwas bedeuten soll, ob jemand sachgemäß eine Hummerschere ihres leckeren Inhalts berauben kann oder nicht, oder ob eine Visitenkarte rechts oben oder links unten eingeknickt wird. Auch der Vermerk "Dunkler Anzug erbeten" macht noch keine Versailler Hofhaltung aus, und die wachsende Neigung des deutschen Publikums, in Shorts und Netzhemden zu Symphoniekonzerten zu erscheinen, ist noch kein Beweis für den Untergang des Abendlandes. Was unsere modernen Knigges mit so unnachahmlicher Anmut den "Benimm" nennen, sind lauter Kindereien, sobald die höhere Sphäre dessen, was "man" trägt oder was "man" tut, in Frage steht. Das Entscheidende ist vielmehr, daß den wenigen Menschen, die aus irgendeinem Grund das Bedürfnis fühlen, gute Manieren an den Tag zu legen oder sich höheren Genüssen hinzugeben, daraus kein Strick gedreht wird.

Eleganz und Vornehmheit sind heute historische oder ästhetische Begriffe, die nicht dargestellt werden können, ohne die Empfindlichkeiten der heutigen Machtgruppen zu verletzen. So wird denn am Ende doch noch ein Strick daraus. Es werden zur Förderung zahlreicher Gewerbe in Deutschland beachtliche Anstrengungen gemacht, um Repräsentation, Geselligkeit und Lebensgenuß zu empfehlen. Festwochen, Gala-Abende, Modevorführungen, Rennveranstaltungen, alles das kann ohne die Fiktion vom Vorhandensein feiner Leute nicht betrieben werden. Aber Vorsicht, Vorsicht! Wenn ein Minister eine Ausstellung der Kochkunst eröffnet, so schlägt ihm beim Anblick der Tournedos mit Trüffeln das soziale Gewissen und er findet einen Weg, die kulinarischen Höhepunkte, die ihrem Wesen nach nur wenigen vorbehalten sind, in geschickten Redewendungen mit der Welt des Eintopfes, dessen Gerüche kein soziales Gewissen verletzen, zu verbinden. Wenn die schwerringende Pelzindustrie ihre Nerzcapes vorführt, so sind die possierlichsten rednerischen Bocksprünge erforderlich, um von der "hauchdünnen Schicht" abzurücken, für die solche Herrlichkeiten in Frage kommen, und doch noch irgendwie von den "breitesten Kreisen" zu sprechen. Offenbar setzen Herstellung und Vertrieb von teuren Konsumgütern eine Robustheit des Gewissens voraus, zu der nur ein Volksfeind sich unbefangen bekennen würde.

Der Konflikt besteht also darin, Luxusgüter, die zur Steigerung des Lebensbildes dienen, unter die Leute zu bringen, ohne den Verdacht der Massenfeindlichkeit zu erregen. Das wird paradoxerweise dadurch erreicht, daß man an den geheimen Wunsch jedes Menschen appelliert, exklusiv zu sein und zu den ganz wenigen feinen Leuten zu gehören. Kenne sich einer mit dieser Menschheit aus: sie ärgert sich über solche, die zur Elite gehören wollen, und im stillen möchte sie selbst dabei sein. So kommt es denn, daß die feinen Leute zwar ausgestorben sind, aber als Wunschgebilde weiterleben, besonders in der Werbung. Der Verbraucher, der da in schmucken Bildern angeredet wird, sieht sich plötzlich im Spiegel seines Traumes, lässig, schlank, an die Reling eines Ozeandampfers oder an seinen Kofferberg gelehnt und ungerührt über das eingeborene Hafenvolk hinwegschauend. Ein Typ taucht auf, der den Inbegriff der "Feinheit" in gradezu herausfordernder Steigerung darstellt, und zwar nicht nur das Glas mit dem kostbaren Sekt oder den photographischen Apparat hebend, sondern auch einen so bescheidenen Artikel wie die Zigarette konsumierend. Auf diesem Gebiet scheint die Zufriedenheit mit dem gängigen deutschen Typ sehr gering zu sein. Lieber baut man eine schönere Welt auf, in der die Kopfform edel, der Leib sportlich schlank und das weiße Bürstenschnurrbärtchen unerläßlich ist. Wir Verbraucher legen also Wert darauf, für aristokratisch gehalten und zu einer Menschensorte gerechnet zu werden, die ihrer Natur nach nur aus ganz wenigen Exemplaren bestehen kann.