In Moskau beginnen jetzt die Beratungen, die die handelsvertraglichen Verpflichtungen der Sowjetzone gegenüber der Sowjetunion für 1953 festlegen werden. Es ist das zweite Mal, daß ein auf ein Jahr befristetes Warenabkommen den auf fünf Jahre abgeschlossenen Handelsvertrag ergänzt, der die Sowjetzone in das Netz des sowjetischen Handelsvertragssystems einbezogen hat. Eine ganze Kette regionaler Handelsabkommen zwischen der Sowjetzone und allen Satellitenstaaten Moskaus bindet den mitteldeutschen Wirtschaftsraum wirksam an den Ostblock. Das östliche Handelsvertragsnetz ist nunmehr lückenlos.

Ungerechnet die im regionalen Planungssystem sorgfältig ausbalancierten Reparationen, vollzieht sich seit Beginn der sowjetzonalen Volkswirtschaftspläne (1949) der Außenhandel der Sowjetzone zu mehr als drei Vierteln im Bereiche des sowjetischen Ostblocks. Würden die Außenhandelsbeziehungen Mitteldeutschlands wie im Fünfjahrplan vorgesehen verlaufen, so müßte die außenwirtschaftliche Verflechtung der Sowjetzone mit dem Ostblock – auch wenn der gegenwärtig nicht unbeträchtliche Außenhandel der Sowjetzone mit den westlichen Ländern in bisheriger Höhe aufrechterhalten bleibt – ständig weiter anwachsen und schließlich 1955 mehr als 90 v. H. ausmachen.

Mitten in die internationalen Auseinandersetzungen über die Möglichkeiten einer deutschen Wiedervereinigung platzte im Herbst vorigen Jahres der Moskauer Handelsvertrag, der dann die weiteren Handelsabkommen mit den Satellitenstaaten auslöste. Die Sowjetunion bezog ihre Position. In der Einkleidung internationaler Verträge sicherte sie sich für fünf Jahre den mitteldeutschen Raum als Bezugsgebiet für solche Waren, die ihrer wirtschaftlichen und militärischen Aufrüstung wertvoll sind. Der Katalog der von der Sowjetzone vertraglich zugesicherten Lieferungen ist beachtenswert. Vieles, was die internationalen Embargovorschriften im internationalen Handel der Sowjetunion vorenthalten, findet sich in dem Warenkreis, der bei der sowjetischen Kommentierung des im einzelnen geheim gehaltenen Abkommens besonders hervorgehoben worden ist. Es beginnt mit der Lieferungsverpflichtung von großen Karusselldrehbänken, von Edelstahl, Maschinen aller Art, insbesondere für Industrieausrüstungen. Es folgen Meß- und Prüfgeräte, Fernseheinrichtungen, spezielle optische und feinmechanische Erzeugnisse und Chemikalien. Dazu beansprucht die Sowjetunion noch Schiffe und Motoren aller Art. Die Mehrzahl dieser Waren ist auf dem Weltmarkt knapp oder (als Rüstungsgut) überhaupt nicht zu haben.

Als Äquivalent für die handelsvertraglichen Lieferungen der Sowjetzone hat sich die Sowjetunion verpflichtet, 3,5 Mill. t Getreide zu liefern, je nach Ernteausfall auf vier Jahre verteilt. An Nahrungs- und Genußmitteln sind weiterhin zugesagt: Fleisch, Fett, Tabak und Tee. An Rohstoffen soll die Sowjetzone Wolle, Flachs und Baumwolle erhalten. Das im Aufbau begriffene "Hüttenkombinat Ost" wird mit Eisenerz beliefert. Sein Koksbedarf ist durch den Handelsvertrag mit Polen gedeckt. Zusätzlich hat die UdSSR jährlich eine Viertel Mill. t Koks zugesagt. In der Verpflichtung der Sowjetunion, die unentbehrlichen industriellen Komplementärgüter zu liefern, ohne die der Fünfjahrplan von vornherein in Frage gestellt ist, geht das Moskauer Vertragswerk nicht sehr weit. Es sind wohl Lieferungen an Manganerzen, Apatiten, Rohöl usw. in Aussicht gestellt worden; im übrigen aber ist die Deckung des aus den Produktionsplänen sich ergebenden industriellen Zuschußbedarfs der Sowjetzone auf die anderen Ostblockstaaten und nicht zuletzt auf den offenen Weltmarkt abgewälzt worden. /

Der Sowjetzonenhandel mit der westlichen Welt ist demgegenüber gegenwärtig keinesfalls unbedeutend. Bei den Importen der Sowjetzone steht der Menge nach die Ländergruppe Frankreich/Benelux an der Spitze, gefolgt von Skandinavien und erst danach England. Beim Export erreichen die skandinavischen Länder, gefolgt von England und – mit Abstand – den übrigen westeuropäischen Ländern, den größten Umschlag. Export wie Import nach den westeuropäischen Ländern gehen ganz überwiegend über die Ostseehäfen.

Früher waren die Außenhandelsverflechtungen des mitteldeutschen Raumes nicht kleiner und nicht größer als sein Anteil am gesamtdeutschen Produktionsvolumen. Das gilt im großen und ganzen sowohl für die Ernährungswirtschaft wie für die gewerbliche Wirtschaft. Im einzelnen, besonders bei der Ausfuhr, zeigten sich jedoch charakteristische Abweichungen. Besonders exportintensiv waren bei den industriellen Fertigwaren (neben Maschinen) Gewebe, Gewirke und Textilwaren, bei den industriellen Halbwaren Garne und Stickstoffdüngemittel. Mit etwas über 1,1 Mrd. RM lag 1936 die mitteldeutsche Ausfuhr um fast 15 v. H. höher als die Einfuhr.

Es waren überwiegend westeuropäische Handelspartner, die – 1947 – den regulären Warenverkehr mit der Sowjetzone wieder in Gang brachten. Damals stieg die Ausfuhr von Textilien und Chemikalien sprunghaft an, und mit 144 Mill. RM regulärer Ausfuhr wurde die gleichzeitige Einfuhr um fast das Doppelte überschritten. Mit der Währungsreform und mit der fortschreitenden Separierung des sowjetischen Besatzungsgebietes verschob sich das Schwergewicht des Außenhandels der Sowjetzone schnell von West nach Ost. Das Außenhandelsvolumen der Sowjetzone erhöhte sich von Jahr zu Jahr und dürfte ebenso wie die Industrieproduktion inzwischen den Vorkriegsumfang (1936) erreicht haben.