Palinurus: Das Grab ohne Frieden. (Aus dem Engischen von Leonharda Gescher. Suhrkamp Verlag, Berlin und Frankfurt a. M., 200 S., 4,80 DM.)

Das Angebot von Büchern ist enorm, und es sind immerhin so viel gute darunter, daß ein erlesenes, zum Entzücken des Kenners geschriebenes, dessen intime Reize sich absichtlich verhüllen, leicht im Schatten bleiben könnte, statt in die Hand jedes Liebhabers exquisiter Prosa zu geraten. So ist man geneigt, "Das Grab ohne Frieden" von Palinurus lauter zu rühmen, als es seiner verhaltenen Art gemäß ist. Dafür darf man den Verleger kräftig loben, der dieses kostbare Bändchen in der ungewöhnlich sicher auswählenden "Bibliothek Suhrkamp" zugänglich macht. Es sind Aufzeichnungen, die Cyrill Connolly, der Herausgeber der unvergessenen Zeitschrift Horizon, während, eines Kriegsjahres niederschrieb. Darum ist von Krieg fast nie die Rede, und doch ist er darin, als unheimliche Gegenwelt zur Welt des Geistes, die hier gegenwärtig wird in der scheinbar willkürlichen Mischung von Zitaten, Bekenntnissen, Aphorismen, Erinnerungen, Reflexionen. Darin erglänzt der Facettenreichtum eines sehr eigenwilligen Kopfes, der sich selbst bald schonungslos enthüllt, bald ironisch versteckt. Das Tagebuch als literarische Form, heute schon allzu geläufig, gewinnt in so sublimierter Handhabung neue Möglichkeiten, die Essenz der Epoche einzufangen. Das Verwandte und das Entlegene verbindet sich auf die gleiche leichtflüssige Weise in diesem Geist: die Londoner Straßen am Sonntag, ein Hotel in St. Germain und das Mittelmeer; Vergil, Pope und Salvador Dali, Villon, Nerval, Laotse, Eliot und Heidegger. Die leichte Verfügbarkeit aller ererbten geistigen Welten, und Angst, Melancholie, Wachsamkeit und Sensibilität, dabei der unerhörte Grad der Bewußtheit: das gibt diesen Blättern die unverwechselbare Farbe unserer Zeit. Am Schluß wird man – es ist eine der reizvollsten Stellen – mit Palinurus bekannt gemacht, hinter dessen Namen sich der Autor versteckt. Es war der Steuermann des Äneas (in Vergils Epos), der auf der Rückfahrt von Karthago ins Meer fiel, an Land trieb und von den Einwohnern erschlagen wurde. Vielleicht war es ein Unfall, vielleicht aber auch schwermütige Selbstaufgabe des Steuermanns, "des Typs, der scheitern will, der eine Abneigung gegen Erfolg hat". Das Steuer führen und Erfolg haben will Connolly nicht, aber er möchte der Autor eines Buches von echtem Werte sein. Das ist er geworden. Man wird in seinem Bändchen lesen, wie er im Montaigne liest, und etwas daraus notieren, wie er eine Stelle aus Buffon zitiert.

Wolfdietrich Rasch