Vorrang des Einzelnen vor der öffentlichen Hand

Salzburg, im Oktober

Die beste Möglichkeit der Kapitalbildung ist es, dem Einzelnen ein reichliches Einkommen zu ermöglichen und zu belassen; den Weg zur Kapitalverwendung werden die Menschen schon selbst finden", sagte Prof. Dr. W. Gerloff auf der Salzburger Tagung des "Vereins für Sozialpolitik" und gab damit auch Antwort auf manche in Vortrag und Diskussion ausgesprochene andere Meinung. Ja, man war überrascht, wie sehr doch Kapitalansammlung in den öffentlichen Händen und die Praxis der starken staatlichen Eingriffe von manchem Redner als gegebene Tatsache hingenommen oder gar bejaht wurden – wobei nicht immer klar war, wo die wissenschaftliche Grenzobjektivität aufhörte und der kostümierte Sozialismus anfing...

Das Thema der Tagung lautete Kapitalbildung und Kapitalverwendung". "Die volkswirtschaftliche Kapitalbildung ist in Deutschland größer als je, aber weniger als je geht absolut und relativ davon über den Kapitalmarkt", erklärte Dr. Eduard Wolf vom Direktorium der Bank deutscher Länder. Er hält aber einen gemäßigten Optimismus auf eine Belebung des Kapitalmarktes für berechtigt, plädierte im besonderen für eine Rehabilitierung der Aktie und kam unter Bezugnahme auf die Thesen eines Vorredners dazu, unser heutiges Steuersystem in Belastungshöhe und Progression als pervertiert zu bezeichnen. Dr. Wolf sprach auch vom Geldwert-Defaitismus des Sparers, der zusammen mit den psychologisch-politischen Hemmungen der Sparfreudigkeit entgegenwirke und auch den Einfluß des Zinses vermindere.

Man sieht: die sehr wissenschaftliche Tagung war unbedingt zeitnahe und viel vom Gesagten war aufregend. Man hatte organisch aufgebaut, und Prof. Dr. Heinz Sauermann hatte im ersten Vortrag den heutigen Stand der Kapitaltheorie umrissen. Der Streit zwischen der traditionellen – der "reinen" – und der neuen – funktionellen – Kapitaltheorie liege weit mehr in der Methode als in der Sache; im Praktischen treffe man sich doch. Man müsse sich um eine allgemeine Theorie bemühen, in der die beiden anderen nebeneinander zu ihrem Recht (aber natürlich auch zu ihrer Begrenzung) kommen.

Nachdem die wissenschaftlichen Positionen abgesteckt waren, wandte man sich immer mehr – und mit zunehmendem Temperament – den zeitnahen Fragen zu. Der Frage der Selbstfinanzierung etwa, die heute in begrenztestem Sinne so wirke, daß tatsächlich der Unternehmer nur für sich selbst spare, also seinen Betrieb finanziere und die Verwendungsauslese durch den Kreditmarkt unterbleibt (Wolf). Man hat sich ganz gewiß in sehr wichtigen Fragen nicht geeinigt. Es war auch nicht zu erwarten; denn auch hier waren (mehr noch unter den Zuhörern und Diskussionsrednern als den Vortragenden) zwei Welten vertreten. Bei der Feststellung, daß die Mietzinsprivilegien einen Substanzverzehr verursachen, spendete z. B. die eine Gruppe lebhaften Beifall; als der Redner im gleichen Satz anschließend erklärte, daß der Zustand aber nicht so bald zu ändern sei, antwortete die andere Gruppe mit demonstrativer Zustimmung.

Feierlichkeiten und offizielle Begrüßungen hatten die Tagung eingeleitet; es gab einen Empfang in der Residenz mit einer Rede des österreichischen Außenministers, der zu den deutschen Gästen von der tiefen Freundschaft des österreichischen Volkes sprach und erklärte, daß in Österreich niemand mehr Ressentiments habe. Ein Rahmenprogramm führte Teilnehmer und Gäste auch in das Salzkammergut – und hier, im Lob der schönen Landschaft, sind (wie der ortsansässige Chronist mit ergebener Entschuldigung anmerken möchte) die in der Wissenschaft Streitbaren einig gewesen... Josef Bös