Der Verband der Chemischen Industrie hatte in den Mittelpunkt der Frankfurter Veranstaltung anläßlich seines 75jährigen Verbandsjubiläums eine Rede des Nobelpreisträgers Prof. Heisenberg über die Beziehungen von Physik und Chemie gestellt. Damit wurde schon rein äußerlich zum Ausdruck gebracht; daß auch in Deutschland die Kernchemie und Kernphysik heute maßgeblich die angewandte chemische Forschung, bestimmen, obwohl nach den Gesetzen der Alliierten sie hier keine Heimstatt finden dürfen. Es ist aber zu erwarten, daß mit der Ratifizierung des Generalvertrages wenn auch nicht alle, so doch viele Schranken fallen werden. Hierbei wird Deutschland voraussichtlich nicht soviel Freiheit in der Atomtechnik zurückgewinnen, daß die Ausnutzung der Atomenergie eine Rolle spielen könnte. Aber auch in anderen Ländern ist die Ausnutzung der Atomenergie weniger wichtig als die Herstellung von radioaktiven Elementen. Es sind dies sehr wertvolle Stoffe, die in der Medizin, in der Biologie und bei chemischen Versuchen ein immer weiteres Anwendungsgebiet finden. Der Bau eines Kernreaktors in Deutschland ist deshalb ein ernstes Anliegen der chemischen Industrie.

Geringe Mengen an Uran stehen in Deutschland zur Verfügung. Ob die Vorkommen im Schwarzwald technisch verwertbar sind, steht noch nicht fest. Kleinere Vorkommen finden sich im Fichtelgebirge. Die Frage der Beschaffung von Bremsmitteln für die Neutronen ist technisch lösbar. Die Herstellung von schwerem Wasser verlangt. allerdings die Bereitstellung von großen Investitionsmitteln. Man kann aber nach den Ausführungen von Prof. Heisenberg auch mit ganz reinem Graphit als Bremsmittel arbeiten. Es ist in Deutschland ohne Schwierigkeiten herzustellen. Technisch bietet also der Bau eines Atombrenners keine unüberwindlichen Schwierigkeiten. Diese liegen vielmehr bei der Kapitalbeschaffung und bei der Forschung. Die chemische Industrie, die früher einmal hohe Beträge in die Forschung steckte und das damit verbundene Risiko auf sich nahm, ist heute, da der gewaltige Steuerdruck nicht mehr die Bildung von entsprechenden Rücklagen zuläßt, hierzu nicht mehr in einem ausreichenden Umfange in der Lage. Sie vermag nicht einmal mehr auf ihrem ureigensten Forschungsgebiet, auf dem der angewandten Chemie, die notwendigen wissenschaftlichen Entwicklungsarbeiten so durchzuführen, wie dies an sich notwendig wäre.

Die Grundlagenforschung ist daher dem Staate zugefallen. Er entledigt sich ihrer in denkbar schlechter Weise. Die wissenschaftlichen Institute verfügen nicht über die notwendigen Einrichtungen; die Wissenschaftler drohen endgültig in das Proletariat abzusinken, weil die Arbeit des geistig schaffenden Menschen nicht angemessen bewertet wird. Der Aufwand im politischen Bereich und die Leistungen der öffentlichen Hand für Wissenschaft und Forschung stehen in keinem Verhältnis mehr. Präsident Menne gab auf der Festsitzung eine Spende der chemischen Industrie von einer halben Mill. DM bekannt, die den chemischen Instituten an den deutschen Universitäten und Hochschulen zugute kommen soll. Die Industrie will damit in einer Form, die ihrem Leistungsvermögen angemessen ist, den Staat auffordern, nunmehr endlich seine Pflicht zu tun. Dieser Probleme hat sich Bundeskanzler Dr. Adenauer in seiner Ansprache recht positiv angenommen. Er wies mit allem Nachdruck auf die Gefahren hin, die aus einer Unterbewertung der geistigen Arbeit Deutschlands und seiner Kultur drohen.

Aber nicht nur die Forschung (und vor allem hierbei die Atomforschung), sondern auch der Bau von Atombrennern kostet Geld. Die chemische Industrie ist nach allen Aderlässen der Kriegs- und Nachkriegsjahre nicht mehr fähig, die hierfür notwendigen Kapitalien aufzubringen. Sie vermag nicht einmal die für ihre eigene Entwicklung notwendigen Kapitalien zu beschaffen. Ihr normaler Kapitalbedarf, beträgt jährlich 500 Mill. DM. Aus den staatlich verwalteten Krediten erhielt sie aber bisher in vier Jahren nur 166 Mill. DM. Das ist ein Drittel des Jahresbedarfs. Es werden daher wohl oder übel im allgemeinen Interesse staatliche Mittel in einem erheblichen Umfange für die Zwecke der Atomforschung bereitgestellt werden müssen. Rib.