In diesem Sommer wurde zum ersten Male nach dem Kriege die "Reisewelle" ein konjunkturpolitisches Phänomen: Ein nicht geringer Teil des Einkommens, der bisher anderen Verwendungszwecken vorbehalten blieb, wurde für die Bestreitung von Ferienreisen verwandt.

Eine der interessantesten Erscheinungen der diesjährigen "Reisewelle" war der motorisierte Fremdenverkehr: Auf Motorrädern und Motorrollern, in Pkw und vor allem in Omnibussen bahnte er sich einen Weg, für den es weder einen Fahrplan noch einen zentralen Überblick gibt. Lediglich auf den Parkplätzen der Fremdenverkehrsorte konnte man erkennen, von wie weit her die Fahrzeuge oft kamen, wie stark sie besetzt waren und welche Bedeutung dieser "wandernden Konsumkraft" innewohnt. Die Übernachtungsdauer war meist nur kurz; die Tendenz, schnell von Ort zu Ort zu wechseln, in kurzer Zeit möglichst viel zu sehen, war weit stärker als im Vorjahre.

Andererseits hat der zunehmende Verkehrslärm zu Abwanderungen aus sonst stark besuchten Fremdenverkehrsorten geführt. Die "Camping-Bewegung" hat weiter um sich gegriffen und in manchen Orten bei der gewerblichen Gastronomie teilweise zu erheblichen Ausfällen an Übernachtungen geführt. Diese Strukturwandlung stellte einzelne Wirtschaftszweige (z. B. die Kraftfahrzeug-, Treibstoff- und Reifenindustrie) überraschend vor neue Aufgaben. Aber auch bei Gastronomie und Einzelhandel hat diese wandernde Konsumkraft oft Versorgungs- und Anlieferungsprobleme entstehen lassen. Nicht nur die unmittelbar an dieser Strukturwandlung interessierten Kreise, sondern die Wirtschaftswerbung allgemein dürften daher vor der Aufgabe stehen, die Erscheinungen der Reisewelle näher zu untersuchen, um den oft recht erheblichen Umsatzverlagerungen durch entsprechende Maßnahmen in Werbung und Verkauf wirksam begegnen zu können.

Eine weitere Strukturwandlung des Reiseverkehrs zeichnete sich in der Umschichtung der Ferienwünsche ab: Die Ferien in der näher gelegenen Umgebung wurden abgelöst von Ferienreisen über große Strecken, wobei sich die Konkurrenz des Auslandes im Fremdenverkehr stark bemerkbar machte. Inserate österreichischer, schweizerischer, italienischer, französischer und belgischer Pensionen und Hotels, Fremdenverkehrsorte und ganzer Fremdenverkehrsgebiete nahmen einen beachtlichen Umfang der Anzeigenteile der Reisebeilagen deutscher Zeitungen ein und veranlaßten zahlreiche (meist auch zahlungskräftige) Gäste zu Ferienfahrten ins Ausland. Der Andrang zu den Konsulaten vermittelte hiervon ein eindrucksvolles Bild, das jedoch erst als ein Anfang für die "Liberalisierung" des westeuropäischen Fremdenverkehrs gewertet werden kann.

Dieser Abwanderung deutscher Feriengäste ins Ausland kann die deutsche Fremdenverkehrswirtschaft nur dadurch begegnen, daß sie ihre Auslandswerbung weit stärker als bisher ausbaut. In diesem Zusammenhang ist ein Plan interessant, dessen Verwirklichung wesentlich zur Förderung des deutschen Fremdenverkehrs beitragen könnte. Er sieht vor, aus den Sperrmarkkonten, die ausländische Gläubiger in Deutschland besitzen, eine besondere Reisemark zu schaffen. Zwar können Inhaber von Sperrmarkkonten für Reisen nach Deutschland bereits Sperrmark für sich und ihre Familienangehörigen erhalten, aber der Plan, der in Kreisen der deutschen Fremdenverkehrswirtschaft diskutiert wird, sieht darüber hinaus vor, daß Sperrmarkbeträge verkäuflich sein sollen, also nicht mehr an die Person oder die Familie des Kontoinhabers gebunden bleiben müssen. Eine Verwirklichung dieses Planes würde eine "Deutsche Reisemark" schaffen, die im Ausland gehandelt werden kann und damit nicht nur den Auslandsreiseverkehr nach Deutschland intensivieren, sondern auch die ausländischen Gläubiger früher in den Besitz ihrer Sperrmarkbeträge setzen würde.

Daß auch in der kommenden Wintersportsaison viele Deutsche ihre Ferien im Ausland verbringen werden, ist nach den umfangreichen Werbevorbereitungen österreichischer und schweizerischer Stellen als sicher anzunehmen. Um so mehr kommt es darauf an, dieser abwandernden Konsumkraft ein Äquivalent in der Intensivierung des ausländischen Reiseverkehrs nach Deutschland entgegenzusetzen. –ws