Hans Tintelnot: Die mittelalterliche Baukunst Schlesiens. Holzner-Verlag, Kitzingen (235 S. Text, 89 Tafeln; 53 Abb., Leinen DM 18,50).

Dies bedeutende Werk ist der erste Band einer Schriftenreihe "Quellen und Darstellungen zur schlesischen Geschichte", den die Historische Kommission für Schlesien herausgibt. Im gleichen Verlage erscheinen auch die Veröffentlichungen des ‚Göttinger Arbeitskreises", der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Geschichte, Bildende Kunst, Volkstum und Geistesleben der russisch und polnisch besetzten deutschen Gebiete jenseits von Oder und Neisse zu erforschen, darzustellen und im Gedenken der Deutschen lebendig zu erhalten – eine Aufgabe, die jede Förderung verdient und zu deren bisherigen Durchführung man den Verlag beglückwünschen kann.

Hans Tintelnot – bekannt auch durch sein vorzügliches Werk über die deutsche Malerei des Barock – wehrt sich, hierin ein typischer Schüler der Wiener Schule, gegen die klassische Form kunstgeschichtlicher Betrachtung, die das Kunstwerk in erster Linie nach seiner ästhetischen Vollendung bewertet. Für die Wiener Schule ist es hingegen vor allem ein Zeugnis geistesgeschichtlicher Art. So konnte Alois Riegl seine grandiosen Methoden der kunstgeschichtlichen Betrachtung an Hand so "banaler" Gegenstände wie der spätrömischen Kunstindustrie entwickeln und an ihnen die "Gesamtentwicklung der Kunst in den Mittelmeerländern" aufzeichnen. Aus der gleichen Gesinnung heraus wehrt sich Tintelnot dagegen, die schlesische Gotik mit demselben ästhetischen Maßstab zu messen wie die gleichzeitigen Bauten Frankreichs und des Rheinlandes. "Wir haben uns zu fragen, wie sich denn das geschichtliche Schicksal dieses schlesischen Stammes in seinen Bauten ausdrückt. Denn wie die Nationen nicht zuerst einfach ‚da‘ sind und später erst eine Kunstsprache annehmen, sondern sich mit und in der Kunst gestalten, so ist auch die mittelalterliche Baukunst Schlesiens, wie die eines jeden ostdeutschen Stammes, die Gestaltungsaussage und das Werdezeugnis einer Volksgruppe."

Mai halte eine solche Methode unter den heutigen politischen Verhältnissen doch bitte nicht für nationalistisch! Sie ist eine geistesgeschichtliche Übersicht von einem sehr hohen und noblen Standpunkt her. Sie trennt die Kunst nicht vom Menschen, womit sie allerdings heute herrschenden politischen wie ästhetischen Tendenzen entgegentritt.

So hat dieses Buch seine Bedeutung nicht wir für den Kunsthistoriker. Auch der Laie enthält aus ihm einen lebendigen Eindruck von dem besonderen Architektur- und Formempfinden des schlesischen Stammes und damit einen Begriff von dem Reichtum und der Differenzierung innerhalb der Kultur des deutschen Ostens. Martin Rabe