E. London, Anfang Oktober

Es war kein Sturm im Wasserglas. Es fing hart auf hart in der Labourkonferenz von Morecambe. Der Bevan-Gruppe ist es mit ihrer Herausforderung an die anerkannte Parteiführung und die hinter ihr stehenden Gewerkschaftsgewaltigen bitter ernst gewesen. Nicht minder entschlossen setzen diese sich zur Wehr.

Der Kampf begann schon letztes Jahr, als Bevan, Wilson und Freeman aus Protest gegen den geplanten Einbruch in das Prinzip der absoluten Unentgeltlichkeit des nationalen Gesundheitsdienstes aus der Labourregierung austraten. Nur die herannahenden Parlamentswahlen verhinderten damals die offene Austragung des Streites auf dem Parteikongreß von Scarborough. Doch erhielt Bevan damals schon die Genugtuung einer Verstärkung seiner Gruppe im Landesvorstand der Partei von zwei auf vier. In Morecambe hat sie sich jetzt um zwei weitere Vertreter vermehrt. Außer Tom Driberg, Barbara Castle und Jan Mikardo stehen jetzt nach Harold Wilson und Dick Crossman in der Parteileitung Bevan zur Seite. Das ist unbestreitbar ein bedeutsamer Sieg, der eine weitere Stufe in der politischen Laufbahn des walisischen Volkstribunen bildet.

Andererseits darf die Bedeutung dieses Triumphes auch nicht zu alarmierend eingeschätzt werden. Nicht nur weil die Bevan-Gruppe in der 27köpfigen Parteiexekutive immer noch in einer evidenten Minderheit steht, sondern namentlich deshalb, weil sie die Hauptträger der gesamten Arbeiterbewegung gegen sich hat, persönlich sowohl wie in ihrer Politik. Nur die lokalen Parteiorganisationen mit ihren wenig mehr als einer Million Einzelmitgliedern stehen hinter Bevan. Sie sind es, die bei der Wahl ihrer sieben Vertreter Morrison und Dalton zugunsten Wilsons und Grossmans fallen ließen und nur noch einen einzigen Vertreter der alten Garde, den harm- und farblosen James Griffith, beibehielten Die "Lokalmitglieder" neigen entsprechend ihrer Zusammensetzung aus Intellektuellen, Salon- und Überzeugungssozialisten von jeher zum doktrinären Radikalismus, der in den sechs "Bevaniten" und ihren Zeitschriften "Tribüne" und "New-Statesman" getreu verkörpert ist.

Die Gewerkschaften und Genossenschaften aber, mit ihren fünf Millionen kollektiv angeschlossener Parteimitglieder, stehen dem politischen Parteiflügel von jeher mißtrauisch und eifersüchtig gegenüber. Und diese Einstellung wird zur entschlossenen Gegnerschaft, wenn die Lokalparteien in ihrem Doktrinarismus zu aggressiv werden, markante Persönlichkeiten durchbringen und die Führung an sich zu reißen trachten, wie es gegenwärtig der Fall ist. Die leidenschaftliche Reaktion der Hauptsprecher der Gewerkschaften, Arthur Deakin und Sir William Lawther, auf den Wahlsieg der Bevan-Gruppe, hat deutlich erkennen lassen, wie der Wind bläst. Nicht nur erwähnten sie warnend die Tatsache, daß die Gewerkschaften noch immer den Geldbeutel und damit das Heft in Händen haben, sondern Deakin drohte sogar unumwunden mit der Aufstellung einer propagandistischen Gegenorganisation, falls die Bevan-Fronde nicht aufhöre, sich als Partei in der Partei aufzuspielen.

Wichtiger als diese Winke mit dem Zaunpfahl aber sind die sachlichen Beschlüsse der Konferenz, die Resolutionen, die samt und sonders der verantwortungsbewußten, gemäßigten Politik des Transport Home beruhigenden Ausdruck verliehen. Die Rüstungspolitik im Rahmen des Möglichen ist wiederum bejaht worden. Eine Resolution, die die nächste Labourregierung auf ein Programm weiterer Nationalisierungsmaßnahmen verpflichten sollte, ist zur bloßen Aufstellung einer unverbindlichen Liste wünschbarer Verstaatlichungsprojekte abgeschwächt worden. Ein Mandat zur Wiederverstaatlichung entnationalisierter Industrien ohne Entschädigung ist abgelehnt worden, ebenso ein Ansinnen, daß England das nordatlantische Bündnis zugunsten einer neutralistischen, anti-amerikanischen Politik aufgeben sollte. Die Befürwortung einer sofortigen Viererkonferenz über Deutschland, verbunden mit einer Verurteilung seiner "Wiederbewaffnung" ist von der Exekutive selbst als Kompromiß so diskret formuliert worden, daß sie nirgends ernst genommen wird.

Im übrigen ist die Erhaltung der Einheit innerhalb der Labourpartei so evident unerläßlich zur Wahrung ihrer führenden Stellung, daß niemand eine Spaltung zulassen dürfte. Bevan selbst wohl auch nicht, da es ihm um die Führung der ganzen Labourbewegung, nicht einer Splitterpartei geht.