Von Martin Rabe

Zum erstenmal kann man in Deutschland Gemälde und Zeichnungen des deutschen Malers Helmut Kolle in größerer Anzahl öffentlich sehen. Vorher sind nur einmal Bilder von ihm ausgestellt gewesen: im Herbst 1923 in der Galerie Gurlitt in Berlin, in der Potsdamer Straße. Wilhelm Uhde, Kolles großer Freund und Förderer, hatte diese Ausstellung deutscher Künstler Zusammengestellt, sehr eigenwillig, alle Modeströmungen, den Expressionismus etwa, verachtend, nur seinem Gefühl für malerische Qualität folgend. "Sagen Sie, was Sie wollen, ich glaube an diese jungen Menschen", so empfing er mich damals und zeigte mit einer großen Gebärde auf die Wände des Hauptraumes hin. Nun, zu diesen "jungen Menschen" gehörte ein so reifer Künstler wie E. R. Weiß, von dem dort das schöne abgewogene Bild "Die Gliederpuppe" hing. Gemeint wird Uhde in seinem Herzen wohl nur einen haben, dessen große Gaben er als erster und ganz allein, erkannt hatte: Helmut Kolle, der sich damals, seinen Namen entlatinisierend, Helmut von Hügel nannte.

Wenn ich an jene Berliner Jahre denke, so sehe ich Kolle heiter, interessiert, stets zu Spott und Lachen bereit – unter den Linden flanierend – bei einer Begegnung im Kaiser-Friedrich-Museum – an der langen Tafel in Auerbachs Keller dicht beim Halleschen Tor, an jenen Mittwochnachmittagen, an denen auf Anregung von Uhde und Dr. Hartmann ein Kreis von Künstlern und Kunstfreunden sich traf. Ich erinnere mich auch gut daran, wie sehr die ihm eigene Mischung von Hochmut und Liebenswürdigkeit mich bezauberte und wie seine Herzenshöflichkeit mich oft betroffen gemacht hat.

Danach habe ich ihn nicht wiedergesehen. Er ging mit Uhde im März 1924 nach Paris. Nur hin und wieder hörte ich noch von ihm durch den zweiten großen Freund, den er gefunden hatte, Richard Möring, der als Dichter den Namen Peter Gan trägt. Schon in Berlin war Kolle krank gewesen, er litt an Herzstörungen und einer Deformation der Aorta. Uhde und Möring haben in Paris sein lange währendes qualvolles Sterben miterlebt, seine Flucht aus der Verzweiflung in alkoholische Exzesse, ein Leben, in dem sich die Passion der Baudelaire und Verlaine zu wiederholen schien. Er starb im November 1931 in Chantilly.

Mir ist trotz aller Erzählungen und Briefe die Tragik dieses Schicksals, dieses jahrelangen Sterbens, dieses Kampfes zwischen Lebenslust und Todesbereitschaft erst deutlich geworden, als ich Wilhelm Uhde 1937 in Paris besuchte. Er zeigte mir Kolles späte Bilder, und schließlich zog er den Schleier von seinem letzten Selbstporträt, ohne den er dieses erschütternde Bildnis in seinem Zimmer nicht ertragen konnte: das Bild eines Sterbenden, dessen Gesichtszüge bereits der Auflösung verfallen sind, der in seiner verwesenden linken Hand ein Schriftstück hält mit der Schrift "mon test" ... mein Testament.

Aus der früheren Zeit des Helmut von Hügel, der mehr heiteren also, in der die tiefen lebensgefährdenden Störungen zwar schon begannen, aber noch Hoffnung auf Heilung bestand, sind nur wenige Bilder in der Ausstellung vorhanden, die augenblicklich im Hamburger Kunstverein zu sehen ist und die danach in die Kestner-Gesellschaft zu Hannover und dann in das Staedelsche Institut in Frankfurt am Main gelangen wird. Kolle war im eigentlichen Sinne nicht, wie oft erzählt wird, Autodidakt. Er war Schüler bei einer sehr guten Zeichenlehrerin gewesen, bei der er Privatunterricht hatte, und später, als er zu malen begann, stand ihm Uhde mit seinem Rat, seinen Kenntnissen und seinem außerordentlichen Qualitätsgefühl zur Seite. Diese frühen Bilder, die manchmal an die pastellfarbenen Gemälde der Laurencin erinnern, sind – wenn man bedenkt, wie damals zu Beginn der zwanziger Jahre in Deutschland gemalt worden ist – in ihrer Farbgebung erstaunlich unabhängig und zugleich sehr delikat. Aber sie sind nur ein Versprechen, sie gehören nicht zum eigentlichen Inhalt seines Werkes.

In Paris jedoch fand er sehr bald seinen eigenen nicht mehr spielerischen, sondern von Anbeginn monumentalen Stil. Es ist keine Äußerlichkeit, daß er sein Pseudonym Helmut von Hügel aufgab und sich wieder Helmut Kolle nannte. Der Jünlging war zum Mann geworden, nicht durch das Hinzufügen eines Lebensjahres; sondern durch die Erkenntnis des nahenden Todes, der ihn bedrohte.