Athen, im Oktober

Die seit langem schwer umkämpfte, zählebige Regierung Plastiras, die sich auf eine Koalition der Liberalen und der Linksdemokratischen Volkspartei stützt, scheint ihrem Ende entgegenzugehen. Schon vor längerer Zeit hatte der Austritt eines Abgeordneten aus der Koalition die knappe Mehrheit der Regierung zerstört. Die Unzufriedenheit des Volkes, das weiterhin in dem Durcheinander von Liberalismus und Planwirtschaft darbt, steigt rapid, und die Unwilligkeit von Industrie und Handel, dem Staat weiterhin Opfer zu bringen, nimmt bedrohlich zu. Hinter allen Überlegungen aber steht die Sorge um die Dollarmillionen der amerikanischen Hilfe.

Das Feuer, auf dem die Opposition kocht, brennt nicht schlecht. Die Opposition – das ist die griechische Sammlungsbewegung des Feldmarschalls Papagos. Sie hat kein eigentliches Parteiprogramm, sondern nur die drei Rufe: Ordnung, Sauberkeit, Disziplin! Damit hätte sie schon bei den letzten Wahlen um ein Haar die Mehrheit errungen. Die Wahlrechtsreform, die der König in diesen Tagen unterzeichnet hat und die das Mehrheits- an die Stelle des bisherigen Proportionalwahlrechts setzt, erhöht die Chancen der Opposition auf einen vollen Sieg.

Aber schon vorher hat Papagos zu einem gefährlichen Angriff ausgeholt. Als der Militärputsch General Nagibs in Ägypten in einer Nacht den König Faruk vom Thron fegte – mit den gleichen Argumenten, die Papagos zu seiner Parole gemacht hat –, da fragte die populäre Zeitung des Feldmarschalls, ob denn die Griechen weniger wert und weniger fähig seien als die Ägypter ... Am anderen Tag schrieb zwar die Regierungspresse, daß gegen die Zeitung ein Verfahren wegen Aufwiegelung eingeleitet worden sei, aber eine andere Antwort erfolgte nicht.

Griechenland kennt den Menschen und den Soldaten Papagos, den Sieger im Kampf gegen den Kommunistenaufstand, aber wenig weiß man von ihm als Staatsmann. Staatsmännisches Können wird jedenfalls den Männern seiner Umgebung nicht abgesprochen, obwohl einige von ihnen als Führer eigener Parteien Schiffbruch erlitten haben. Die wichtigsten sind Kanellopoulos, der schon lange mit ihm geht, ein kultivierter Mann von universaler Bildung, dann der blendende und dennoch präzise Markezini, eine Figur etwa zwischen Fouché und Malraux, und, jüngst hinzugekommen, Papandreou, der Führer der Sozialdemokraten, die bei den letzten Wahlen keinen Abgeordneten mehr ins Parlament brachten. Papandreou hatte vor zwei Jahren versucht, das Tabakabkommen mit Deutschland zustande zu bringen, dessen Gelingen an die Herabsetzung der deutschen Tabaksteuer gebunden war. Als das Abkommen scheiterte, schien die Karriere Papandreous beendigt. Jetzt ging er zu Papagos, und viele meinen, daß er nach den Wahlen griechischer Außenminister sein werde. Papagos’ Opposition ist durchaus aggressiv und zielt auf zentrale und verwundbare Stellen. Dabei verlaufen die Fronten zwischen den Regierungsparteien und der Papagos-Opposition keineswegs in säuberlicher Trennung. Jede Gruppe hat ihre Plutokraten. Cum grano salis gesprochen, steht hinter den Liberalen der Koalition das internationale, hinter Papagos das nationalgriechische Kapital. Der Koordinationsminister Kartalis, der für die Zusammenarbeit mit der hier durch die MSA vertretenen US-Wirtschaftspolitik zu sorgen hat, wirbt innerpolitisch mit demselben Argument: "Herunter mit den Preisen – gegen das Großkapital", mit dem auch Papagos die Massen gewinnen will.

Griechenland aber ist ein Land ohne Massen, mindestens ohne geformte oder selbstbewußte Massen. Zwar sind fast alle Berufe gewerkschaftlich organisiert, aber es gibt keine starke zentrale Instanz der einzelnen Gewerkschaftsgruppen, und überdies ist die Eingliederung des einzelnen noch durch die oft außer acht gelassene Tatsache erschwert, daß eine große Zahl von Arbeitnehmern sich gleichzeitig in zwei, drei und mehr Berufen betätigt – eine Folge der niedrigen Löhne, denen aber Lebenshaltungskosten gegenüberstehen, die das Drei- bis Vierfache der deutschen betragen.

Heilung von der Wirtschaft her ist die Forderung der Regierungskoalition, und ihre Heilmittel sind Kreditrestriktionen, Gewinnabschöpfung, Verringerung der Geldmenge, kurz ein Weg, dem auch die Finanzpolitiker der amerikanischen Mission einigermaßen zuzustimmen scheinen. Doch sind diese Versuche immer kurzatmiger geworden, weil stets in Wochen verwirklicht werden soll, was nur in Jahren zu schaffen ist. Papagos dagegen erklärt deutlich, daß die Heilung für Griechenland nur von der Politik her kommen kann. Besäße seine Partei ein klares Programm, so könnte dieser Satz eine seiner stärksten Stützen sein.

Es scheint jetzt, daß es der Opposition gelungen ist, die Neuwahlen zu erzwingen. Wann sie stattfinden werden, ob schon in den nächsten Wochen oder erst später, wird davon abhängen, welche Bremsen die Papagos-Gegner der innerpolitischen Entwicklung noch anzulegen vermögen. Die Hoffnungen, daß Dissidenten der Papagos-Partei die Koalition noch einmal regierungsfähig machen könnten, haben sich bisher nicht erfüllt und dürften nach der Revision des Wahlrechts, die Papagosnoch mehr Chancen gibt, auch kaum mehr in Betracht kommen. Curt Mitau