Wir hörten

Mit Arthur Honeggers sinfonischem Psalm "König David" (den die RIAS-Symphoniker unter Ferenc Fricsay spielten) klangen die Berliner Festwochen aus, mit dem "David" ebenfalls begann kürzlich der NWDR Köln seine Reihe "Neue Musik". Konnte man beidemal glücklicher unter modernen Kompositionen wählen? "Ich habe versucht, dem Mann auf der Straße verständlich zu sein und doch den Musiker zu interessieren", schrieb Honegger über dies Werk – tatsächlich: es müßten alle, die es hörten, seinem suggestiven Bann verfallen sein. Seit dreißig Jahren wirkt ja der "David" wie ein Zauberstab, und wen er berührt, dem wandelt sich die musikalische Welt: er war ein Verächter der modernen Musik; er ist es nicht mehr. Das Geheimnis dieser Wirkung – vielleicht liegt es in dem al fresco der großartigen Chöre (Bernhard Zimmermann führte sie in Köln zu mitreißenden Höhepunkten), oder in den Sologesängen, die im zartesten Ton und im härtesten Ausbruch immer numinos sind, oder im biblischen Anruf des Sprechers (im NWDR Theodor Loos) ... Hier dringt ein Oratorium auf uns ein, in uraltfrommem Geist, aber mit den modernsten Mitteln der Musik. Oratorium? "Der große Fehler des König David liegt darin, daß man heute ein Werk als Oratorium aufführt, das ursprünglich als eine das Drama begleitende Partitur gedacht war." Man muß dieses Wort Honeggers respektieren; der "David" ist nun einmal als Bühnenmusik konzipiert worden, aber er setzte sich dann auch – erweitert und neugefaßt als "psalme symphonique" – im Konzertsaal durch. Alles kommt darauf an, die achtundzwanzig Teilstücke als Ganzes zu interpretieren, das Fehlen des gestischen Hintergrundes durch musikalische Dramatik vergessen zu machen. Hermann Scherchen, der als Kölner Gast das Rundfunk-Sinfonie-Orchester dirigierte, gelang das vollkommen.

Wir werden hören:

Donnerstag, 9. Oktober, 21.00 vom NWDR: "Früher Schnee am Fluß" – unter diesem lyrischen Titel sendet das Hamburger Hörspiel eine ungewöhnlich erregende Arbeit: eine Szene aus dem Korea-Krieg. Dem Stück liegt jene viel diskutierte Zeitungsmeldung von 1950 zugrunde, daß in Südkorea siebenundzwanzig Menschen, darunter unschuldige Frauen, wegen "Regierungsfeindlichkeit" hingerichtet wurden. Der Appell den Heinz Huber – ein bisher unbekannter junger Autor – hier gegen "die Gleichgültigkeit der Menschen" richtet, verdient große Aufmerksamkeit (Regie Fritz Schröder-Jahn).

Freitag, 10. Oktober, 20.01 vom RIAS: Ferenc Fricsay, der sonst mit Vorliebe die Modernen interpretiert, und der Oberleiter des Münchener Opernhauses, Georg Solti, geben ein klassisches Symphoniekonzert. Zu Beginn: die große C-dur-Symphonie Haydns, mit der er sich 1777 aufs neue der "thematischen Arbeit" zuwandte. Es folgt Mozart mit Vesperae solemnes de confessore (KV. 339) und der Symphonie in g-moll (KV. 550).

22.05 im NWDR: Die Darstellerin der "Kameliendame", der gelähmte Tänzer, der Schauspieler, der die Stimme verlor Zehn alte Leute – einst berühmt, jetzt in einem Asyl für Komödianten – sind die Figuren des neuen Romans von Walter Jens: "Vergessene Gesichter", den er hier in eigener Funkbearbeitung vorlegt. Die späte Sendezeit deutet schon an, was zu erwarten ist: ein Hörspiel, dessen Sprache – wie stets bei Jens – einen ganz eigenen neuen Ausdruck sucht. Regisseur Gustav Burmester steht vor einer schwierigen Aufgabe.

Sonnabend, 11. Oktober, 20.00 vom SWF: Hier wird die "zehnte Muse" – auch bekannt als "Kabarett" – vors "Mikro" gezerrt; sie hat versprochen, über sich selber zu plaudern – und ihre Diener von gestern (Oscar Straus, Wilhelm Hüsgen) und heute (Kästner, Kiaulehn, Finck) zu interviewen. Wer sich gern von dieser Muse küssen läßt, kann ihr an diesem Sonnabend noch zweimal begegnen: RIAS (21 15) durchzieht in kabarettistischem Streifzug "3000 Jahre Festspiele", und in Bremen (22.25) tauchen die "Amnestierten" nach "Meeresgründlichkeiten".