Der Dualismus in der Weltpolitik brachte der Sowjetunion den Vorteil, daß sie die kommunistischen Parteien aller Länder stärker in Abhängigkeit halten und die eigene Bevölkerung zu erhöhten Leistungen antreiben konnte. Er wurde ausgeglichen durch einen mit jedem Jahre schwerer wiegenden Nachteil: der kalte Krieg zementierte nicht nur die kommunistische, sondern auch die kapitalistische Einheitsfront.

Unwillkürlich trat daher in Reden und Publikationen die früher im Marxismus beliebte Diskussion der "Widersprüche", an denen das kapitalistische System leide, zurück gegenüber der "kapitalistischen Einkreisung", die Stalin dramatisierte. Sie erschien um so verwerflicher, als das "friedliche Nebeneinander beider Systeme" von Stalin mehrfach als möglich hingestellt wurde.

Zum Moskauer Parteitag hat nun der sowjetische Diktator in der Zeitschrift Bolschewik eine neue Wendung vollzogen und die Krisentheorie wieder aufgegriffen. Nach den Regeln des klassischen Marxismus prophezeit er eine von wirtschaftlichen und militärischen Katastrophen begleitete Selbstauflösung der kapitalistischen Ordnung, stellt dagegen einen West-Ost-Krieg als unwahrscheinlich hin, weil ein Angriff auf die Sowjetunion zu gefährlich geworden sei.

In dieser Argumentation ist unschwer ein Lieblingsgedanke des Kremls zu erkennen Der Ribbentrop-Pakt, der Hitler die Bahn freigab, sollte zur Selbstzerfleischung der westlichen Welt führen, nur hätte der Krieg die Sowjetunion fast mit zugrunde gerichtet. Wenn Stalin behauptet, daß seine Stellung heute günstiger sei, so brauchte er immer noch einen Hitler als Gegenspieler im kapitalistischen Lager. Darin liegt die Fehlspekulation. Auch hat der Kapitalismus die Fähigkeit, sich zu rangieren, wie der bolschewistische Theoretiker Varga nachwies, der deswegen zur Ordnung gerufen wurde.

Wahrscheinlich glaubt Stalin selbst nicht daran, daß er noch die Genugtuung haben wird, eines Tages britische und amerikanische Schlachtschiffe miteinander kämpfen und deutsche Divisionen gegen US-Stützpunkte auf dem Kontinent anrücken zu sehen. Immerhin hat er in seinem Artikel England, Frankreich, Deutschland und Japan zu Aggressionen ermuntert, natürlich sofern sie sich gegen Amerika richten. Er möchte, daß von den Waffen, die im Westen geschmiedet werden, ein ihm vorteilhaft erscheinender Gebrauch gemacht wird.

Auch wenn dieser fromme Wunsch nicht in Erfüllung geht, wird der Bolschewik-Artikel bestimmte praktische Konsequenzen haben. Direkte kapitalistisch-kommunistische Zusammenstöße wie in Korea passen nicht mehr in das Konzept. Zur Auflösung der westlichen Konzentration ist der Nationalismus das geeignetste Mittel. Mit ihm haben die kommunistischen Parteien zu paktieren, wobei es auch noch an anderen Stellen als in Frankreich vorkommen kann, daß einer aus der alten Garde die Zeichen der Zeit nicht versteht. Stalin vollzieht eine Umgruppierung der Kräfte im kalten Krieg. Im Frontalangriff zum Ziel zu kommen, dazu fühlt sich die Sowjetunion anscheinend nicht stark genug. H. L.