Giselher Wirsing: Schritt ans dem Nichts. Perspektiven am Ende der Revolutionen. (Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf, 364 S., Leiden DM 14,50.)

Vieles deutet darauf hin, daß der Mensch der Kompliziertheit der modernen Welt nicht gewachsen ist und durch die Hintertüren von Utopien und idealen Gesellschaftsentwürfen seiner elementaren Sehnsucht nach dem Einfachen frönt. Diesem Sog der Vereinfachung tritt Wirsings Buch entgegen. Seine Analysen der geistigen und gesellschaftlichen Fundamente und Kräfte unserer Zeit halten jene Distanz von den Moralpredigern, in der der wachsame und kritische Geist sich wieder zu entfalten vermag.

Unter dem Aspekt des Soziologen und Historikers führt uns Wirsing durch das Reich der Utopien. Er zeigt die immer wiederkehrenden Versionen des Messianismus in den nationalen Religionsformen als historisch-politische Triebkräfte. Mit der Prädestinations- und Gnadenlehre Calvins kommt dann ein neuer Schwung in die uralte Erwartung vom "auserwählten Volk". Was vorher nur von geistig-symbolischer Bedeutung war, wird nun zum Motor politischer Aktionen. Am Beispiel der englischen Politik führt Wirsing seine Untersuchung über den missionarischen Charakter des nationalen Sendungsbewußtseins durch. Im Osten kommen aus den gleichen Quellen andere Erscheinungen. Das Oszillieren der Idee zwischen dem Messianismus Asiens (z. B. bei Dostojewski)) und der bolschewistischen Strategie, in der das Proletariat den Rang des auserwählten Volkes einnimmt, bleibt in der gleichen geistigen Ebene: es erstrebt utopische Lösungen.Die Realisierungsversuche dieser Utopien haben einerseits Dämonie, andererseits Bürokratie hervorgebracht.

Was wir heute durchleben, nennt Wirsing eine "Mutationskrise". Und in dem synthetischen Teil seines Werkes versucht er in sorgfältiger Beobachtung der einzelnen Lebensgebiete ein Übereinkommen der divergierenden Auffassungen zu erzielen. Unter dem "anthropologischen Blickwinkel" erörtert er eingehend die Aufgabe einer "Neubegründung der Zusammenarbeit zwischen Menschen und Menschengruppen". Die sozialen Probleme reduziert er auf die Formel: Aus Arbeitern Mitarbeiter machen! Seine Vorschläge für die Entwicklung neuer politischer Lebensformen konzentrieren sich auf eine positive Kritik am Parlamentarismus und sind gekoppelt mit den Fragen der Erziehung und der Elite.

Leo Nitschmann