Von einer Theaterkrise wird in Deutschland nicht mehr gesprochen. Heißt das, daß beim Theater nun endlich alles stimmt und daß im Künstlerischen ebenso gutes Einverständnis herrscht wie, dem Anschein nach, im Wirtschaftlichen? Dagegen sprechen schon die sich mehrenden Beschwerden über die "restaurativen" Neigungen im heutigen Theaterleben, über die Rückkehr zum gepflegten Kassenstück, über den Vorrang der Ausstattung, über das Erlahmen des Muts zum Experiment – Beschwerden, die in sich wieder zwiespältig sind, denn das "Experiment", wo es in doktrinärer Selbstherrlichkeit unternommen wird, kann das Theater ebenso lahmlegen wie der Spielplan-Schlendrian, der auf Nummer Sicher gehen möchte. In beiden Fällen leidet das, was nun einmal der Nerv des Theaters ist: das dramatische Werk. Was sich in einer intakten Theaterkultur von selbst versteht: daß die jeweils wesentlichen Werke, jedes in der ihm angemessenen Form, auf die Bühne kommen und daß dadurch Tradition gebildet wird – das ist in Deutschland noch lange nicht wieder selbstverständlich.

Hier die verlorene Mitte wiederzugewinnen, ist der Zweck einer Übereinkunft verantwortlicher Männer vom Theater (Intendanten, Dramaturgen, Regisseure, Verleger, Publizisten), die sich in diesen Tagen verständigt haben – nicht eine neue Organisation zu gründen, wohl aber einander durch Informationen und Gedankenaustausch zu unterstützen in der Abwehr nicht nur der mannigfaltigen fiskalischen und politischen Einflüsse auf den Aufbau der Spielpläne, sondern auch solcher doktrinärer Experimente, die das Publikum irreführen könnten.

Unter der Übereinkunft, deren Initiator Gustaf Gründgens, der Düsseldorfer Intendant, ist, stehen die Namen von Theaterleuten nicht nur aus der Bundesrepublik und Westberlin, sondern auch aus Wien (Josef Gielen) und Zürich (Oskar Wälterlin, Kurt Hirschfeld). Ein Zeichen, daß die Probleme aller deutschen Bühnen wieder als gemeinsame empfunden werden.

Es wird bald Gelegenheit sein, diese Probleme ausführlicher zu erörtern. cel.