Noch nie hat der Bundesjustizminister als Redner im Bundestag einen so eindrucksvollen Erfolg errungen wie am letzten Donnerstag bei der Debatte über die Todesstrafe. Nicht, daß er die Zuhörer durch eine oratorische Glanzleistung überwältigt hätte. Dehler ist kein Redner großen Formats. Alles Brillierende fehlt ihm. Er argumentiert in der nüchternen Sprache des Juristen und seine Diktion ist schlicht. So war es auch dieses Mal. Seine Ausführungen wurden von dem Hause anfangs mit spürbarer Reserve aufgenommen. Je länger er aber das Thema in seiner ganzen Komplexität beleuchtete, desto aufmerksamer hörte man ihm zu, und als er – die Rede war schließlich eher zu lang geraten – das Rednerpult verließ, da erhielt er zum ersten Male auch auf der Linken des Hauses überzeugten, demonstrativen Beifall. War es, wie es der prononcierteste Gegenredner des Tages, Dr. Ewers von der Deutschen Partei, darstellte, wirklich nur die Verwandtschaft der Gedanken, von der sich so viele von den sonst unerbittlichen Gegnern Dehlers auf der linken Seite des Hauses angesprochen fühlten? Dieses Mal ganz gewiß nicht. Die stärkste Wirkung der Rede ging von ihrem leidenschaftlichen Bekennermut aus und von der geistigen Redlichkeit, mit der sie der vielschichtigen Problematik des Themas gerecht zu werden versuchte. Man dürfe sich in einer so wichtigen Frage nicht von der schwankenden Meinung des Volkes abhängig machen. Das Parlament müsse von einer höheren Warte urteilen. An vielen Beispielen legte Dehler die Fragwürdigkeit der Behauptung dar, die Todesstrafe sei als Mittel der Abschreckung, unvermeidlich. Noch schärfer distanzierte er sich von der von Ewers vertretenen Vergeltungstheorie, nach welcher derjenige, der das Blut eines anderen vergossen hat, mit seinem eigenen Blute dafür büßen soll. Wir müßten uns moralisch über das Niveau des Gewalttäters stellen und – hier fand der Humanist Dehler gute Worte – den Schuldigen zur inneren Einkehr zu bewegen versuchen.

In dieser Rede enthüllte sich Dehlers dominierender Charakterzug: sein unbändiger Wille, sich für das, was er für richtig hält, einzusetzen. Dabei schrickt er auch vor gefährlicher Gegnerschaft nicht zurück, ja, er fordert sie geradezu heraus. So auch hier. Ihn reizte offenbar die Konzessionsbereitschaft gegenüber dem primitiven Ressentiment, das durch einige besonders rohe Gewalttaten aufgestachelt worden war.

Diese Sucht, das für richtig Gehaltene in manchmal gewollt provozierender Weise auszusprechen, hat diesem im Grunde in sich gekehrten Manne schon viele Feindschaften eingetragen. Noch heute hängt ihm jene Rede in Hamburg nach, in der er sich mit dem deutsch-französischen Problem auseinandersetzte. Die Wahrheiten, die er dabei aussprach, sind längst von der Geschichte erwiesen. Aber daß er sie in jenem Zeitpunkt aussprach, brachte ihm heftige Vorwürfe ein. Jedoch in einer solchen Stimmung kann er sich in sein Thema verbeißen, und er packt es auch immer von neuem an. So war es mit seiner viel geschmähten Kritik an den mehrfachen, zum Teil "betrügerischen" Rentenbezügen. Und so ähnlich war es mit seinem Wort von dem "zuchthauswürdigen Verbrechen" der Parlamentsnötigung, das auf den Deutschen Gewerkschaftsbund gemünzt war. Nachher, wenn der zornige Impuls verraucht ist, nimmt der wieder sanft Gewordene mit fast naivem Erstaunen von der Reaktion auf seine Philippika Kenntnis.

Seine menschlichen Vorzüge sprechen ihm auch die Gegner nicht ab. Er steht mutig zu seiner Überzeugung und hat das im Nazireich unter den schwierigsten Umständen bewiesen. Seine Frau ist Jüdin. Er hat tapfer zu ihr und zu ihren Verwandten gehalten. Aber er spricht nicht gern von seinen schlimmen Erfahrungen in jenen Jahren. Nach dem Kriege wandte er sich gegen die generellen Vergeltungsmaßnahmen an den verführten Anhängern des Naziregimes. In diesem Sinne faßte er sein Amt als Generalkläger Bayerns im Entnazifizierungsverfahren auf, und er legte es nieder, als Loritz, der damals eine andere Auffassung hatte, Entnazifizierungsminister wurde.

Dehler liebt einen einfachen Lebensstil. Er fährt auch als Minister einen Volkswagen, den er selbst steuert. Seine stille Liebe gilt der darstellenden Kunst, von der er viel verstehen soll.

Robert Strobel