Wie die Natur Formen gebiert, entwickelt, verwirft und neu erschafft – III. Die Abstammung des Menschen bleibt geheimnisvoll / Von Morus

Sind’s Affen gewesen, die der Urmensch als Ahnen zu verehren hatte? Und wenn ja, welche Affen? Alle Arten der Menschenaffen haben schon in der vermuteten Stammtafel des Menschen figuriert: der Schimpanse, der Gorilla, der Gibbon. Aber auch die Tarsier, eine niedere Affenart, haben schon Anwartschaft erhoben. Neuerdings neigt sich die Waage unter den Befürwortern der Affen abstammung wieder mehr zugunsten der ursprünglichen Hypothese Ernst Haeckels: eine fossile Menschenaffenart, die noch keine Greifarme hatte, der Dryopithecus, sei der Urahn sowohl der heutigen Menschenaffen wie der heutigen Menschen gewesen. Sicher ist aber eins: mit den ersten Menschen kam das Ubertier auf die Erde. Morus’ "Geschichte der Tiere" macht das unzweideutig klar.

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In Amerika, wir erwähnten es schon, hat man bisher vergeblich nach menschlichen oder menschenähnlichen Fossilien gefahndet. An Bemühungen hat man es auch dort nicht fehlen lassen. Schon vor hundert Jahren glaubte der dänische Geologe Wilhelm Lund in den Tropfsteinhöhlen von Lagos Santa, auf der Hochebene von Minas Gerais, im Innern Brasiliens, versteinerte Menschenschädel zusammen mit Tierfossilien "in vollkommenster Analogie zu denen in Europa" gefunden zu haben. Bei näherem Zusehen stellte sich diese Vermutung, wie viele ähnliche, über eine seit dem Pleistozän bestehende amerikanische Urbevölkerung als irrtümlich heraus. Die Amerikaner können also, wie es in einigen ihrer Staaten Schulvorschrift ist, mit Stolz von sich sagen, daß sie in direkter Linie von Menschen abstammen – von Menschen, die wahrscheinlich in sehr später Zeit von Sibirien über die Beringstraße und die Aleuten eingewandert sind.

Die Menschen der Alten Welt können das gleiche von sich nicht mehr gut behaupten. Freilich haben die Schädel und Beinknochen der Vormenschen, die man in Europa, Asien und Afrika gefunden hat, keine entscheidende Antwort auf die Frage gegeben, welches die direkten Vorfahren des Homo sapiens sind. Einige Anthropologen haben parallele Ahnenreihen konstruieren wollen. Hermann Klaatsch gibt dem Neandertaler und den heutigen Afrikanegern einen gemeinsamen Ahnherrn mit dem Gorilla und dem Schimpansen, während die Mongolen und die Europäer die Vettern des Orang-Utans seien. Die Hypothesen, daß der Neandertalmann ein Vorfahr irgendeiner der gegenwärtigen Menschenrassen sei, ist fast allgemein aufgegeben worden; man nimmt an, er war das letzte Glied einer Kette, mit ihm sei ein Zweig des Übertiers frühzeitig erloschen.

Manche räumen noch mehr Zwischenstufen beiseite, ohne andere an ihre Stelle zu setzen. Nicht nur die ältere Generation der Vormenschen, auch die anthropoiden Affen werden nicht mehr als Ahnherren des Homo sapiens anerkannt. Ob die niederen Affen in den menschlichen Stammbaum gehören, wird wieder lebhaft diskutiert. Gegenwärtig sind die Lemuren, ein anderer Zweig der Primaten, bei den Abstammungsspezialisten die Favoriten. Als Urahnen der Menschen gelten bei denen, die Wood Jones folgen, die Tarsier, liebenswürdige, aufgeweckte Tiere aus der Familie der Lemuren, von denen nur noch ein Vertreter, der Tarsius spectrum, existiert und auf den Bäumen Borneos umherhüpft. In der Bilderbüchern der Tierkunde zeichnet sich der Tarsier namentlich durch seinen langen Schwanz aus, aber sein hohes Ansehen bei den Zoologen beruht hauptsächlich darauf, daß er wie die Menschen und die anthropoiden Affen den gelben Flecken auf der Netzhaut hat und seine Umwelt plastisch sieht, da er sich ein spektroskopisches Bild zu machen versteht.

Das sind gewiß schätzenswerte Eigenschaften, und falls der Tarsius des Eozän oder der noch nicht entdeckte Prä-Tarsier der Kreide – denn der Mensch stammt natürlich nicht von den heutigen ab – sie auch schon besessen hat, brauchte sich kein Mensch eines so hochbegabten Ahnherrn zu schämen. Doch es ist zu befürchten: wenn die Theorie einmal populär geworden ist, wild der Satz, der Mensch stammt von den Lemuren ab, einen ebenso peinlichen Beigeschmack bekommen wie die Behauptung, der Mensch stammt vom Affen ab. Ohne Zweifel ist dieses Wort mitschuldig daran, daß die viel einleuchtendere These der anthropoiden Vorfahren auch bei den Fachleuten mehr und mehr in Verruf gekommen ist. Obwohl nur noch wenige den Evolutionismus in Bausch und Bogen ablehnen, möchte man doch den Obergang vom Tier zum Menschen nicht so handgreiflich vor Augen haben. Verlegt man die Trennungslinie in eine möglichst weite Vergangenheit, so tut es dem menschlichen Selbstgefühl nicht so wehe – und das Prinzip ist trotzdem gerettet.