/ Von Edmond Lutrand

Dies also ist die Lüneburger Heide. Kleine einsame Wege. Kopfsteinpflaster. Jeder Sandweg weckt Romantik. Es wird Abend. Es regnet, ja, und Hunger haben wir auch. Es wird Zeit, Quartier zu suchen. Und da ein Gasthof auftaucht – das wahrhaft romantische Bild eines Gasthofs – wirft die Wirtsfrau einen Blick auf unseren Wagen. Sie sieht das Nummerschild und meint: "Sie sind wohl nicht von hier?" Und da sich jetzt herausstellt, daß wir aus Frankreich kommen, meint sie: "Aus Frankreich? Dann sind Sie wohl auch durch Belgien gekommen. Da war ich nämlich letztes Jahr, ganz dicht an der französischen Grenze. Sie müssen nämlich wissen ..." Und dann haben wir eine Geschichte erfahren, die von der Heide bis zur Maas, von der Maas bis an die Aue spielt. Es ist die Geschichte zweier Menschen, die sich in böser, schlimmer Zeit trafen und nicht aneinander vorübergehen wollten.

Grenzen gibt es nur, weil Menschen sie gezogen haben. Die buntesten Grenzpfähle bestehen nur aus Holz. Sie versperren Wege ... Das ja; aber gleiches Land liegt hüben und drüben.

Von der Maas bis in die Heide ging der Weg des belgischen Kriegsgefangenen im Sommer 1940. Ein langer Weg, und er war ohne Nachricht von Hause; das Land besetzt; der Krieg zunächst verloren ... Hier aber, so tief im Heideland, schien alles friedlich und still. Die Bauern waren fort – man wußte ja, warum und wozu. Aber die Arbeit wartete. Und das Getreide fragt nicht, welcher Arm diese Sense führt. Und diese Arbeit war es auch, die die Menschen näherbrachte. Aber das dauerte seine Zeit.

Die Wirtsfrau in der Heide sagte: "Ja, zuerst konnte man sich nicht verstehen. Brot heißt ‚pain‘ ... aber Marcel lernte sehr schnell, man konnte richtig mit ihm sprechen. ‚Marcel‘, sagten wir immer, ‚du sollst auch nicht zuviel arbeiten‘. Mein Mann, der doch schon im ersten Weltkrieg verwundet gewesen war, er war auch diesmal wieder dabei und war doch keiner mehr von den Jüngsten ... und unsere Tochter und der Marcel haben sich gut verstanden. Einmal mußte der Krieg ja auch aufhören ... Dann kam alles ganz plötzlich: Marcel ging nach Hause, und Sie wissen ja selbst, wie die Zeit danach war. Keine Post, fast ein Jahr lang. Endlich kamen Briefe. ‚Na, mein Deern‘, habe ich zu meiner Tochter gesagt, ‚da hilft nun alles nichts, da mußt du mal hinfahren...‘ Die Reise war nicht einfach. Als meine Tochter dann zurückkam, faßte sie mich um: ‚Mutter, wir heiraten!‘ Nun müssen Sie wissen: Meine Tochter war bei ihrem ersten Besuch ‚schwarz‘ über die Grenze gegangen. Beim zweiten Male ist sie dann gleich dageblieben, denn die beiden hatten keine Lust, auf das Visum und die vielen Scheine zu warten. Die Urkunden, die für die Heirat nötig waren, habe ich noch an die Grenze gebracht, und ein belgischer Wirt hat mir geholfen, die Papiere weiter zu schaffen, aber Geld wollte er nicht dafür ... Ich fuhr nun wieder nach Hause, aber meine Tochter ... in Belgien, ganz dicht an der französischen Grenze, wo alle nur französisch sprechen und sie doch gar nicht! Sie können sich wohl denken, daß ich nach einiger Zeit mal nach dem Rechten sehen wollte. Auf dem Konsulat in Hamburg sagten sie mir: ‚Für vierzehn Tage können Sie gleich das Visum haben ...‘ Ein schöner Zug. Fuhr abends aus Hamburg ab, und frühmorgens war ich schon da – Charleroi. Meine Tochter und mein Schwiegersohn waren aber an der Bahn und als wir bei ihnen zu Hause ankamen, hatten die Nachbarn schon Frühstück zurechtgemacht, und wir mußten uns gleich hinsetzen und essen. Und wie gut sie schon Französisch konnte! Bloß zu Hause spricht Marcel mit ihr Deutsch. – Nun heiratet unsere Zweite ... nach Lüneburg die Große kommt aus Belgien zur Hochzeit und bringt Kaffee mit. Ihr Mann kommt etwas später nach er kann noch nicht weg vom Hof und dann fahren sie zusammen wieder zurück ..."

Aus der Küche drangen gute Gerüche. Wir pariserischen Franzosen speisten dort in der Lüneburger Heide sehr gut und werden’s rund um den Arc de Triomph zu rühmen wissen ...