Von unserem österreichischen Korrespondenten

H. M. W. Wien, im Oktober

In Österreich scheint es sich einzubürgern, daß Zünfte und Parteigerichte in Konkurrenz zu den ordentlichen Gerichten treten. So hat soeben einer der prominentesten Sozialdemokraten Österreichs, früher Führer des Republikanischen Schutzbundes und jetzt einer der Theoretiker der Partei, die Aufforderung erhalten, daß er vor dem sozialdemokratischen Parteigericht erscheinen solle, weil er vor einem ordentlichen Gericht eine für die Partei ungünstige Zeugenaussage gemacht hat.

Hier die Fakten: Eine christlich-soziale Zeitung versuchte in einem Presseprozeß nachzuweisen, daß hohe sozialdemokratische Funktionäre die Papierfabrik Steyrermühl zwingen wollten, der sozialistischen Parteikasse eine Schenkung von zwei Millionen Schilling zu machen. Diese Schenkung sollte buchhalterisch als "Preisnachlaß" für Rotationspapier frisiert werden, das die Steyrermühl an die SPÖ-Presse geliefert hatte. Im Laufe des Prozesses, der sich mehr und mehr zu einer innerpolitischen Sensation auswächst, erschienen sozialdemokratische Bundesminister vor Gericht, wurden ins Kreuzverhör genommen, mit anderen Zeugen konfrontiert, verwickelten sich in Widersprüche, bis schließlich der eine oder der andere die Nerven verlor. So konnte es geschehen, daß der Innenminister Helmer den Kronzeugen Dr. Landertshammer, Direktor einer Großbank, der ein überzeugter Sozialist ist,-aber aus der SPÖ ausgetreten war, im Gerichtssaal einen "Verräter" nannte, so daß er vom Richter scharf zur Ordnung gerufen wurde.

In dieser peinlichen Lage schlug der radikale Flügel der SPÖ vor, dem Niedergang der Parteidisziplin durch scharfe Maßnahmen Einhalt zu gebieten. Mit anderen Worten: Die Sauberkeit sollte durch Säuberung ersetzt werden. Und da man es als besonders unangenehm empfand, daß der prominente Julius Deutsch, der letzte Überlebende der alten sozialistischen Garde, Aussagen erhärtet hatte, durch welche die sozialistischen Funktionäre belastet wurden, so beschloß man, nach propagandistischer Vorbereitung in der Arbeiter-Zeitung, ein Parteigerichtsverfahren gegen ihn einzuleiten. Ein wohlüberlegtes Einschüchterungsmanöver! Denn wer würde sich noch im sozialistischen Walde ganz sicher fühlen, wenn die Axt selbst eine so große, alte Eiche nicht verschont?

Julius Deutsch ist aber nicht nur eine der letzten bedeutenden Erscheinungen des mitteleuropäischen Sozialismus, er ist zufällig außerdem mit der bekannten Schriftstellerin Adrienne Thomas, der Verfasserin des Romans "Die Kathrin wird Soldat", verheiratet. Es zeigte sich, daß Adrienne Thomas anders reagierte als ihr Mann, der die Absicht äußerte, sich tatsächlich dem Parteigericht zu stellen. Sie bestritt die Kompetenz des Gerichtes, erhob Einspruch gegen den militanten Geist, der sich in der Sozialdemokratischen Partei eingenistet hat und der in seinem Totalitätsanspruch offenbar nicht so sehr Mitarbeiter sucht als ‚Soldaten‘, die bei Abweichungen von der Generallinie vor ein Kriegs-, will sagen Parteigericht gestellt werden können. "Es verstößt gegen mein demokratisches Gewissen, einer Partei anzugehören", so schrieb sie, als sie ihr Mitgliedsbuch zurücksandte, "in der man mit dem Parteigericht bedroht wird, wenn man vor einem ordentlichen Gericht nach bestem Wissen und Gewissen die Wahrheit sagt. Wenn ferner ein Freundschaftsverhältnis, das zwei Männer seit vielen Jahren verbindet, zum Gegenstand einer parteigerichtlichen Überprüfung gemacht Verden soll, so ist das für rechtlich denkende Menschen einfach unerträglich."

Soweit Adrienne Thomas. Das Publikum ist teils bestürzt darüber," daß sich die SPÖ in ihrem politischen Anspruch bis in die menschlichen Bezirke vorwagt. Teils ist die Öffentlichkeit erleich-