Von Leo Nitschmann

Die Realität unserer modernen Welt beruht auf der Fähigkeit zu rationalem Denken; auf dem Willen zur Wissenschaft. Man zerbrach einst die gnostische Hohlwelt des Mittelalters, die den Menschen in Gottes Hand pfleglich barg und alle seine Angelegenheiten zu seinem Segen regelte. Damals begann’s, und heute ist man beim Nichts des vierdimensionalen hyperbolischen Raumes – grenzen- und gottlos –, gelandet.

Wir wissen heute ungefähr wie die innere Geschichte dieser Bewußtseinswandlung verlaufen ist. Sie fällt etwa in den Zeitraum zwischen Reformation und französischer Revolution. Luthers Thesen an der Schloßkirche Wittenberg waren vielleicht der erste Akt auf dem Wege zur Universalität des wissenschaftlichen Geistes. Und auch die Schüsse auf die Bastille waren eine, wenn auch durch mancherlei Motive getrübte Proklamation von Fortschritt und Geltung der Vernunft. Im 18. Jahrhundert – Goethe nannte es das Jahrhundert des Geistes –, greift die Literatur zum erstenmal tief in den Gang der Ereignisse ein. Sie hat es satt, weiterhin Spekulation oder höfische Arabeske zu sein. Und – ob wir dabei an Rousseau, die Mathematiker oder die Moralisten denken – überall tritt das Streben nach praktischer Durchführung der Gedanken in den Vordergrund. Die Literatur versucht zum erstenmal in alle Klassen der Gesellschaft einzudringen.

Das fundamentale Ereignis, das dieses Jahrhundert wie kein anderes repräsentiert, ist ein literarisches: "Enzyklopädie oder methodisches Sachwörterbuch der Wissenschaften, Künste und Gewerbe, herausgegeben von einer Vereinigung von Schriftstellern, geordnet und veröffentlicht von Herrn Diderot ... mit mathematischen Teilen von Herrn d’Alembert...", so lautete der umfangreiche Titel eines Werkes, das vor nunmehr 200 Jahren in den ersten einzelnen Folgen erschien: Eine Zusammenfassung. Und so ist dieses Werk zu einem Markstein der Geistesgeschichte geworden.

Nicht etwa, weil es sich dabei um eine erste Enzyklopädie handelt; denn sie besaß weder Priorität noch viel weniger war sie die größte. Der enzyklopädische Gedanke reicht bis ins Altertum zurück. In Peking erschien ab 1726 eine Zusammenfassung des Wissens in 5044 Bänden. Und ein anderes Werk, das umfangreichste der Erde, ist die ebenfalls in China entstandene "Jung-lo-ta-tien" -Enzyklopädie mit, fast 23 000 Büchern in 12 000 Bänden. Allerdings wurde das Manuskript niemals gedruckt. – Wodurch also zeichnete sich das Unternehmen Diderots aus?

Um das tief genug zu verstehen, muß man das Werk ganz im Zusammenhang mit seiner Zeit und seinen Zeitgenossen betrachten. Schon mehrfach hatte das enzyklopädische Bestreben im abendländischen und besonders im französischen Raum zu gewaltigen Leistungen geführt. Die Triade Pascal, Descartes, Leibniz hatte den Bannfluch der Theologie bereits gebrochen. Das 18. Jahrhundert war die Zeit der Aufklärung mit ihrer fortschrittsgläubigen und optimistischen Gesinnung. Und der Drang nach Zusammenfassung der Einzelwissenschaften kündigte sich überall an. Von den positiven Wissenschaften her erwartete und erstrebte man eine neue Fundamentierung der gesamten Kultur. Beyles "Dictionaire historique et critique" war der erste große Schritt auf diesem Wege. Der Titel verrät schon eine wesentliche Struktur des Zeitgeistes; an die Stelle der Auslegung war die Kritik getreten; an die Stelle des Glaubens die prüfende und vergleichende Erfahrung. In England hatte Newton mit dem Erscheinen seiner "Philosophia naturalis" von 1687 den Weg für ein naturwissenschaftliches Weltbild großen Stils geebnet. Mitten in den geistigen Uniuhen der Zeit wird nun die Enzyklopädie zu der großen Synthese. D’Alembert verkündete in ihrer Einleitung laut und klar, daß das Jahrhundert der Wissenschaft nun gekommen sei, um das Zeitalter der Theologie abzulösen. Man erkennt schon den Stil der Sprache, die hier angeschlagen wird. Diese philosophische Grundhaltung und die moderne Aufla sung der Funktion der Wissenschaft wurden epochemachend. Darin unterscheidet sich dieses Werk von allen seinen Ahnen. Es wird schnell zum verbindenden Organ für die Denkweise des ganzen geistigen Frankreichs; zum literarischen Sammelbecken der Aufklärung.

Die geistigen Väter, die dieses Unternehmen tragen, sind in Bacon, Hobbes, Locke, Descartes und Leibniz zu suchen. Die politischen Ideen gehen auf Montesquieu zurück. Daß dieses Werk für Freiheit der Bildung, des Denkens und des Schreibens eintritt, sich also gegen jede Bevormundung durch Thron und Altar wendet, ist selbstverständlich. Und nur im Hinblick darauf darf gesagt werden, daß es die Revolution vorbereiten half.