In diesen Tagen gedenkt man, und wahrscheinlich nicht nur in Deutschland, sondern überall, wo Turner sich treffen, des hundertjährigen Todestages Friedrich Ludwig Jahns. Da sein Wirken unserem Volke am meisten gedient hat, so wird man ihn bei uns am meisten preisen: sowohl in der Walhalla bei Regensburg als auch auf dem Turnplatz der Hasenheide in Berlin sowie in der historischen Jahn-Halle in der Sowjetzone finden zu Ehren des Turnvaters Feiern statt. Viele Festansprachen werden zu hören sein, und wieder und noch einmal werden wir erfahren, was für ein Mordskerl doch dieser Mann war, obwohl eigentlich ein gescheiterter Student, der auf der Universität immer nur Krach gehabt hat. Halten wir uns damit nicht auf.

Jahn hat in der deutschen Geschichte seine unumstrittene Ehrenstellung. So viel an ihm auch auszusetzen war: alle großen Männer der Befreiungsjahre haben den Turnvater als einen der ihren angesehen. Man muß seine beiden Werke "Deutsches Volkstum" und "Deutsche Turnkunst" lesen, die neben vielem Verworrenen manche wahre Perlen enthalten, um zu wissen, daß er, wie einst Schiller, im Deutschtum eine Verpflichtung zu höherer Menschlichkeit sah, und so blitzt auch mancher europäische Gedanke darin auf.

Dieser Mann, der vor hundert Jahren das Zeitliche segnete, zeigte uns die Leibesübungen auf als "ein Mittel zu einer vollkommenen Volksbildung". Für Jahn war die körperliche Ausbildung nur ein Mittel zum Zweck, den ganzen Menschen auszubilden. "Die Turnkunst führt als Pflegerin der Selbsttätigkeit auf geradem Wege zur Selbständigkeit." Deshalb kommt sehr viel auf die Leitung des Sport- und! Turnplatzes, der Vereine und Verbände an. Jahn verlangte, daß die Vorturner, also heute die Vereins- und Verbandsführer, außer ihrer körperlichen Fertigkeit sich durch allgemeine Bildung des Geistes und des Herzens auszeichnen. Wie aber steht es damit heute? Und wie steht es mit den guten Sitten, von denen Jahn verlangte, daß sie auf den Turnplätzen (und also den heutigen Sportplätzen) mehr wirken und gelten sollten als anderswo weise Gesetze?

Darüber hinaus aber hat Jahn uns allen und besonders unseren Staatsmännern und Politikern noch etwas sehr Wichtiges zu sagen, was nicht verschwiegen werden soll und darf, weil auch da in mancher Hinsicht unsere Turn- und Sportvereine helfen könnten. Das sind seine Forderungen an die staatsbürgerliche Erziehung der Jugend. Jahn verlangte vom Staat Einrichtungen, "daß seine Staatsbürger sich und ihn kennenlernen". "Die Staatskunde, in der jeder unterrichtet werden soll, muß", so schrieb er, "mehr sein als eine Zahlenstatistik, eine oberflächliche Erdbeschreibung oder Eilbotenreise auf der Schnellpost." Verstummen müssen, wenn erst ein so erzogenes Geschlecht herangewachsen ist, die Klagen, daß "bei uns der Bürger nirgends mehr zu Hause ist als im Ausland und nirgends weniger heimisch als im Vaterland".

Der Mangel an volkserzieherischem Sinn ist das hervorstechende Merkmal des Sportes unserer Tage. Er ist eine Massenerscheinung geworden und nur auf das Äußere gerichtet. Gewiß wollte auch Jahn den Wettkampf, aber er stellte ihn nicht nicht in den Mittelpunkt. Die heute Oberspannung des Wettkampfmomentes widerspricht seiner Idee und seinem Wesen. Unsere derzeitigen Wettkämpfe haben mit wahrer Körperkultur nichts mehr zu tun, von Geisteskultur schon gar nicht zu reden. Noch immer gilt Classens Wort: "Dieser Sport betet allein die Quantität an, und sein Götze ist der Rekord." Was Jahn wollte, war dies: "Die Turnkunst soll die verlorengegangene Gleichmäßigkeit der menschlichen Bildung wiederherstellen, der bloß einseitigen Vergeistigung die wahre Leibhaftigkeit zuordnen, der Überfeinerung in der wiedergewonnenen Männlichkeit das notwendige Gegengewicht geben." Heute aber ist die Gefahr der Übermächtigung des Sports (vor hundert Jahren nannte man das eben Turnen) durch den Sportkapitalismus und Sportmaterialismus riesengroß. Die Skandalchronik des Sportes beweist uns das täglich. Heute fehlt dem Sport ein Friedrich Ludwig Jahn, der Wege und Ziel weist. Walther Kleffel