Als am 20.’ September in Luxemburg das deutsch-israelische Abkommen unterzeichnet wurde, haben viele Menschen in Deutschland gehofft, daß damit wenigstens im materiellen Bereich ein Schlußstrich unter ein unseliges Kapitel der Vergangenheit gesetzt werde. Wer der Geschichte seines Volkes gegenüber Verantwortung empfindet, weiß, daß das, was unter dem Hitlerregime geschah, jeden angeht, auch den, der persönlich nicht mitschuldig wurde. So schien denn der Beschluß einer großzügigen Wiedergutmachung zugunsten des Staates Israel die Bürde der Verantwortung ein wenig zu erleichtern, wenn auch die moralische Schuld damit gewiß nicht beglichen werden kann. In den Wochen, die seither vergangen sind, hat jedoch mancher an der Reaktion der arabischen Staaten mit wachsender Sorge wahrgenommen, daß es schwierig ist, in dem komplexen Bereich der Politik "wiedergutzumachen", ohne unter Umständen neue Schuld auf sich zu laden, und man fragt sich bangen Herzens, ob auch hier das Wort vom Fluch der bösen Tat gilt, die fortzeugend Böses muß gebären.

In jenem Teil der Welt, im Vorderen Orient nämlich, beherrschen Probleme das Feld, deren Spannungen wir Deutsche, ohne es recht zu wissen, in ungeahnter Weise verstärkt haben. Alle Interessen, alle wirtschaftlichen Bemühungen und politischen Überlegungen sind dort auf den Konflikt zwischen Israel und den arabischen Staaten konzentriert. Die Alternative Ost und West, die, wie wir meinen, jedes Land der Welt zur Stellungnahme zwingt, existiert für diese Länder praktisch nicht. Und auch die für unsere Begriffe unfaßlich großen sozialen Klassenunterschiede treten in den Hintergrund vor der alles überschattenden Auseinandersetzung mit dem Staat Israel. Uralte, fast mythische Vorstellungen von der Einheit der Araber, der Gemeinsamkeit ihrer Sprache, Religion und Geschichte, sind mit einer Intensität erwacht, der nur die Völker des Orients fähig sind; und sind seit dem verlorenen Palästina-Krieg zu einem unauslöschlichen Ressentiment geworden.

Wenn auch heute die Waffen ruhen, so ist doch noch kein Friede geschlossen. Die sieben arabischen Staaten befinden sich weiter im Kriegszustand mit Israel und führen den Kampf jetzt auf wirtschaftlichem Gebiet. Seit Dr. Weizman auf dem Zionisten-Kongreß 1921 sagte: "Die Frage (der Grenzen) wird noch besser beantwortet werden, wenn Cis-Jordanien so voll gesteckt sein wird mit Juden, daß ein Weg nach Transjordanien hinein erzwungen werden wird", und seit damals Wladimir Jabotinsky die revisionistische Bewegung gründete mit dem Ziel, Transjordanien dem Bereich des "National Home" der Juden zuzuschlagen, leben die Araber in der ständigen Furcht vor weiterer Expansion Israels. Sie selber aber träumen seit Jahren von nichts anderem als der Rückeroberung Palästinas. Das Nachbarland Syrien gibt annähernd 50 v. H. seines Budgets für Rüstung aus. Wenn man eines Tages in diesem Teil der Welt noch einmal zu den Waffen greifen sollte, sei es auch nur um wirtschaftliche, soziale oder innerpolitische Schwierigkeiten zu überdecken, dann wird es sehr schwer sein zu sagen, wer der Aggressor war.

Einstweilen dient alles, was dort geschieht, der Anhäufung von Explosivstoff: das Elend in den arabischen Flüchtlingslagern ebenso wie die, alle wirtschaftlichen Möglichkeiten übersteigende, jüdische Einwanderung nach Israel. Jede Maßnahme, die ganz unabhängig von diesem Konflikt getroffen wird, schürt das Ressentiment: die erste Reaktion des irakischen Vertreters bei der Konferenz der Arabischen Liga auf das deutschisraelische Abkommen war der Vorschlag, alle noch in den arabischen Staaten lebenden Juden zu enteignen.

Für das Gleichgewicht der in zwei Blöcke gespaltenen Welt ist nichts so wichtig, wie in diesem Gebiet, das gewissermaßen die Brücke darstellt zwischen den feindlichen Lagern, Ruhe zu halten. Denn ganz abgesehen von der für die westliche Welt entscheidenden Bedeutung der ölproduktion der arabischen. Staaten, muß man sich klar darüber sein, daß alles, was den Islam betrifft, sich in Kettenreaktionen über Persien, Pakistan und Indonesien weit nach Osten hin fortsetzt. Einstweilen sind die Bemühungen des Westens, im arabischen Raum ein gemeinsames Middle East Defence Command zu errichten, immer wieder an dem Mißtrauen dieser oft enttäuschten Völker gegen den "Imperialismus" gescheitert. Das Verhalten Frankreichs in der tunesischen Frage, Großbritanniens Ölstreit mit Persien und vieles andere, bietet dem Mißtrauen der Araber immer neuen Nährstoff und suggeriert ihnen die Überzeugung, Amerika habe Deutschland gezwungen, das Wiederguttrachungsabkommen mit Israel abzuschließen.

Für uns gibt es in diesem Labyrinth von Interessenkollisionen, von Schuld und Sühne, Furcht und Hoffnung nur zwei Gesichtspunkte. Der wichtigste: die Wiedergutmachung unserer Schuld an dem jüdischen Volk, eine moralische Verpflichtung, von der keine wie auch immer geartete politische Überlegung uns abhalten wird und die der Kanzler mit seiner Unterschrift unter das deutsch-israelische Abkommen ein für alle Mal anerkannt hat; und ferner der Versuch, einen Modus zu finden, der die Sorge der Araber berücksichtigt, unsere Lieferungen an einen Staat, mit dem sie sich im Kriege befinden, könnten dessen Kriegspotential stärken. Wir sollten dies bedenken, nicht nur, weil uns mit den Arabern eine traditionelle Freundschaft verbindet und sie nach diesem Krieg die ersten waren, die dem Ausdruck verliehen, sondern auch, weil wir schon Unheil genug in der Welt angerichtet haben. Vielleicht läßt sich doch eine Möglichkeit finden, diese beiden Gesichtspunkte zu vereinen, beispielsweise indem man mit den Zahlungen und Lieferungen erst dann beginnt, wenn der Kriegszustand im Vorderen Orient beendet ist, also erst, nachdem Israel und die arabischen Staaten Frieden geschlossen haben.

Marion Gräfin Dönhoff