Gabriel Marcel: "Die gierigen Herzen" – Uraufführung in Brüssel

Brüssel, im Oktober

Das Théâtre Royal du Parc zu Brüssel liegt zwischen Parlament und Residenzschloß, also genau in der Mitte der Oberstadt, deren altvaterisch feudale Eleganz mehr und mehr von einem grellen Allerweltsluxus überdeckt wird. Weltstadtgetriebe, indiskret und sehr aufwändig, nagt heftig an dem stillen Rest "guten alten Europas". Einiges immerhin scheint sich ins Innere dieses von alten Bäumen iiberwipfelten Theaters retten zu können. Seine Situation ist nicht ganz einfach. Obwohl es sich "Königlich" nennen darf, wird es nicht eigentlich subventioniert. Nur zu einigen wenigen Klassikeraufführungen erhält es engbemessene Zuschüsse. Anderseits erwartet man von seinem Direktor, Oscar Lejeune, eine gewissermaßen repräsentative Haltung – kein Amüsiertheater, sondern ein literarisch ansehnliches Repertoire.

Was Lejeune seinen Abonnenten in den letzten fünf Jahren dennoch vorzusetzen vermochte, reicht von den "Trachinierinren" des Sophokles über Shakespeares "Sturm" bis zu Sheridans "Kritiker" und Valérys "Faust", wobei oft mit allerhöchstens sechs Aufführungen kalkuliert werden kann. Natürlich muß das ausbalanciert werden – etwa mit reichlichen Sacha Guitrys. Immerhin, keine bürokratische Instanz wagt hineinzureden. Das einzige Regulativ ist das Echo der öffentlichen Meinung und das literarische Gewissen Lejeunes: er hat seinem Publikum nichts erspart. Vom "harten Brot" Claudels über Dramen von Lorca und die Märchen Supervielles bis zu Sartres "Teufel" hat man sich in seinem Hause über das, was landläufig als unbehaglich gilt, unterrichten können (das heißt für die Abonnenten: unterrichten müssen). Immerhin trägt das seine Früchte. Es war höchst verblüffend – und zwar ließ sich das bei Gelegenheit dieser Uraufführung von Gabriel Marcels neuem Drama beobachten –, mit welch angespannter Intensität ein dem Anschein nach hochgradig mondänes. Publikum den sublimsten Windungen eines dramatischen Prozesses nachspürte, der mit einem Minimum von äußerer Handlung auskommt und das ganze Gewicht auf die Veränderungen der "Binnenschrift" gleichsam psychographisch verlagert.

Diese "gierigen Herzen", die übrigens schon vor dreizehn Jahren geschrieben wurden, ziehen ihren einzigen, aber sehr nachdrücklichen Effekt daraus, daß sie unser aller irdisch-menschliche Mehrdeutigkeit Zug um Zug sichtbar machen, ohne daß sich die Charaktere "da oben" auf den Brettern wesentlich verwandeln. Was sich wandelt, ist einzig der Aspekt, in welchem sie erscheinen.

Amédée, ein gleichmütig alternder Kunstkritiker, exerziert auf mehr oder minder erträgliche Art sein Hauptlaster: sich reden zu hören, in unerbittlich ausziselierten Geschmeiden der Schriftsprache. Dieses schlemihlhafte Hobby scheint nur Eitelkeit und Leere zu verdecken. Seine Familie "verschleißt" ihn mithin als harmlos tyrannischen Narren, als sei es irgendein molièrescher Großsprecher. Mit einem Male platzt diese wenig schöne, aber friedliche Übereinkunft: seine beiden Kinder, zu Erwachsenen heranreifend, entdecken, daß Amédée ihre Mutter vor langen Jahren in einem Irrenhaus internieren ließ. Warum das? Er gibt nur halbe Rechenschaft. Großer Aufstand. Jeder Beteiligte enthüllt und produziert grelle Hinterseiten. Chaos, Bekenntnisse und Beschuldigungen. Es kann nur noch Fluchten geben (meint jeder). Statt dessen aber finden sich alle in einer merkwürdigen Harmonie. Der halbe Blick hinter die Kulissen erweist sich als Bereicherung, ja, als wirklicher Kitt. Schocktherapie, herbeigeführt von der ahnungsvollen Hilfsbereitschaft eben des Vaters, an dem man nur Schwäche der Eitelkeit hatte wahrnahmen wollen ... Fermate. Für wie lange, ist nicht vorauszusehen. Aber was nun "sitzt", ist die erwiesene Mehrdeutigkeit. Und das Stück spielt sich eigentlich im Nachdenken des Betrachters ab. – Gespielt wurde unter der Regie von Fernand Ledoux (der "drüben" die Qualitäten und den Rang etwa eines Eugen Klopfer verkörpert). Er selbst, als Amédée, hielt sich ganz ungespalten. Um so deutlicher geriet die Verwandlung der Aspekte. Worüber vielleicht in Gabriel Marcels Hamburger Vortrag (am 7. November) mehr zu vernehmen sein wird.

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