Wer einen ihm unbekannten Menschen aufsucht, hat eine Vorstellung von ihm, ob er will oder nicht ... Du öffnest die Tür, die zum Objekt deiner Vorstellung führt, und der Mensch, den du nun siehst, stößt gleichsam mit seinem Kopf in die Luftblase der Idee, die du dir von ihm gemacht hast ... Wenn du nun aber den anderen zu schildern unternimmst, so kannst du nicht verhindern, daß dieser feine Zusammenprall mit seiner lautlosen Dramatik als ein wichtiges Element in deine Schilderung eingeht, sie färbt und ihren Rhtyhmus beeinflußt ..."

Diese Beobachtung gilt – wie sollte es anders sein? – auch für den, der sie aufgezeichnet hat (in seinem neuesten Buch "Geliebte Ferne", Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins, Tübingen und Stuttgart, 447 S., Leinen 19,80 DM): für Friedrich Sieburg. Als "Objekt der Vorstellung" entsteht bei dem Leser seiner Schriften, Aufsätze und Kritiken vielleicht das Bild eines feingliedrigen, von vielem Meditieren gebeugten, ein wenig träumerischen, zur Weltabgeschiedenheit neigenden, weil im Kontakt mit der Welt außergewöhnlich reizsamen Mannes, der erwartet, daß man behutsam Distanz von ihm hält, und sich nur widerwillig aus der Zone selbstgeschaffener Einsamkeit löst. Tritt er dann aber ins Zimmer, kräftig, gesammelt, sonor, die Pfeife oder eine gute Zigarre im Mundwinkel, mitteilsam, von argloser Lust am Kontakt sprühend, bestimmt im Sprechen, aufmerksam, im Zuhören, eher robust als morbid, eher markig als dekadent – ja, da mag sich jener "Zusammenprall" ereignen, bei dem die "Luftblase der Idee", die man sich von der konkreten Existenz des Schriftstellers Friedrich Sieburg gemacht hatte, zerplatzt.

Wer nun aber mit diesem Eindruck an die Lektüre einer Sieburgschen Schrift zurückkehrt, hat nicht geringe Mühe, die angeschaute und erlebte Person in dem Ich wiederzufinden, das da die Welt auf sich hat wirken lassen, das sich in den "halb anarchischen Zustand des Reisenden" begeben hat, aus dem ebensogut der Verlust des Willens zur Selbstbehauptung hervorgehen kann wie jene Gelassenheit, die "den Menschen gelten läßt, wie wunderlich er sich auch ausnehme". Das Ich, das bewußt das Reisen als ein (nicht äußeres, sondern moralisches) Wagnis unternommen, das sich in der Arktis, in der Sahara, im Fernen Osten verwandeln lassen wollte und hat verwandeln lassen, dem seine Reisen bei allem Hingegebensein an das Gesehene doch immer auch "ein Stück Selbstbiographie" waren – dieses; Ich ist nicht kompakt und ungefährdet durch die Jahre gegangen. Es hat sich ausgesetzt, es hat die Impressionen in sich hineinschlagen lassen, und es hat die wichtigste aller Unterscheidungen in sich aufgenommen: die Unterscheidung zwischen dem, was etwas ist, und dem, was es mir zufügt.

So ergeht es dem Leser mit Sieburg, wie es diesem mit der "geliebten Ferne" ergeht: das vorgefaßte Bild, so sagt er sich, kann doch so ganz unzutreffend nicht gewesen sein. Zum mindesten nicht in dem wesentlichen Punkte: der reizsamen Bewußtheit des Empfindens. Wer mit so wachem Herzen wie Sieburg in den kritischen Jahren von 1931 bis 1939 (nur diese waren seine Wanderjahre, da er vorher Paris und London nicht als Ferne erfahren hatte) über die schon zitternde Erde fuhr, wer heute mit so sicherer Erinnerung das damals Geschriebene sammeln, sichten und mit der Gegenwart in Beziehung setzen kann (denn das Buch "Geliebte Ferne" ist keineswegs nur eine Anthologie aus Sieburgs Reisebüchern der dreißiger Jahre, sondern ein Buch über die Gegenwartssituation der Deutschen, erhellt durch Rückblenden auf Reisen, die vor der Katastrophe noch gerade eben möglich waren) – der gehört nicht zu den Beneidenswerten, die von einem unverrückbaren archimedischen Punkt aus ihre schnell gegriffenen Meinungen zu den Dingen dieser Zeit sagen können und alles immer schon vorher gewußt haben werden. Er ist vielmehr das, was gegenwärtig in Deutschland mit Argwohn und Unbehagen als nicht recht zeitgemäß betrachtet wird: ein ständig für die Welt und für die eigene Erfahrung offenes Individuum.

"Die Schönheit als unsozialen Luxus zu verketzern, den Umgang mit der Ferne und die Weltoffenheit in den Geruch des haltlosen Kosmopolitismus zu bringen, die Empfindlichkeit für das Fremde, Exotische und Abgelegene als Geckenhaftigkeit zu verschreien, das sind die trübseligen Mittel, mit denen wir den Raum unserer Freiheit selbst beeinträchtigen." – Früher, zur Zeit als Sieburg reiste, geschah die Verketzerung, von der er spricht, im Namen der nationalen Würde. Heute heißt die Parole, die Verdammungsurteile hergibt: Situationsbezogenheit des Schriftstellers, auch "Engagement" genannt – aber nicht in jenem schon immer geltenden Sinne, daß der Schriftsteller zu erkennen und auszusprechen habe, wie es nach seinem besten Wissen und Gewissen um die Zeit stehe, sondern in der modischen Verengung: er habe sich gewisse Aspekte zu eigen zu machen und sie in möglichst wirksamen Varianten zu wiederholen. Zum Beispiel, daß die deutsche Situation als die eines von und mit Hitler geschlagenen Volkes inkommensurabel mit der anderer heutiger Nationen sei, daß der deutsche Schriftsteller die einzige Aufgabe habe, innerhalb und außerhalb Deutschlands diese Besonderheit des deutschen Schicksals bewußt zu machen, daß ein heute geschriebenes Buch eine prinzipiejl andere Problematik, Diktion und pädagogische Gesinnung haben müsse als ein Buch vor der Zäsur von 1945, kurz: daß das oberste Gesetz des Schreibens für einen Deutschen die Verantwortlichkeit für die so umrissene deutsche Lage sei.

Die literarischen Gruppen, die das Werk unabhängiger Schriftsteller an solchen Maßstäben messen, glauben, dem Kollektivismus (dem braunen wie dem roten) sei nur durch solche Bindungen vorzubeugen. In Wirklichkeit bringen sie aber nichts zuwege als wieder einen Kollektivismus, und einen sehr national-deutschen dazu. Denn so wenig zu ersehen ist, was es zur Kultur anderer abendländischer Völker beitragen sollte, daß die Deutschen sich beharrlich hinsichtlich ihres Schuldkomplexes analysieren (statt ihn, auf dem Gebiete der Kunst durch gute Werke, nämlich gute Kunstwerke, abzureagieren), so wenig ist es ja ausgemacht, ob nicht gerade das Erlahmen und Absterben gewisser seelischer Funktionen in Deutschland das Schuldigwerden und damit die heutige Situation überhaupt erst ermöglicht hat – so daß nichts wünschenswerter wäre, als daß diese Funktionen gekräftigt würden.

Zu ihnen gehört die Empfindsamkeit, die Fähigkeit des allzeit und universell offenen Reagierens auf das andere, das Fremde, sei es der anders geartete Nebenmensch, sei es die anders geartete Kultur, sei es die anders geartete vergangene Zeit. Der Instinkt für Menschen, der Instinkt für Landschaften und Völker und der Instinkt für geschichtliche Gebilde sind im Grund ein und derselbe Instinkt – eben jener sechste Sinn, durch den sich die Angehörigen führender Kulturnationen vor denen geschichtsloser und provinzieller Gruppen auszeichnen. Dieser Sinn ist nicht zweckgebunden, er gehorcht keinem noch so respektablen und gutgemeinten Programm. Aber er ist überall da bedroht, wo Programme aufgestellt werden. Denn Programme lassen es so aussehen, als sei es leichtfertig, gewissenlos, unsolidarisch und eitel-egozentrisch, sein Leben und Wirken auf den Sinn und das Gefühl für den Reichtum der Schöpfung zu stellen und also ein ästhetischer, das heißt ein von der Anschauung her und auf die Anschauung hin lebender Mensch zu sein.

Viele, die sich vor den Programmen schämen, sind heute mit schlechtem Gewissen ästhetische Menschen. Nicht so Friedrich Sieburg. Er bekennt sich zu seiner eigenen, wie auch immer problematischen Empfindsamkeit und Anschauungsfreude. Das mag ihn, gemessen an den heute bei uns verbindlichen Literaturparolen, als dezidierten Außenseiter erscheinen lassen. Aber es macht ihn zu einem Trost für alle, die auch aus Geschriebenem noch einen "Hauch von Freiheit" vernehmen möchten. Christian E. Lewalter