London, im Oktober

In London herrscht Freude, die Londoner Herbstnebel können daran nichts ändern. Seit den ersten Oktobertagen ist der Tee nicht mehr rationiert! Die Londoner Teekessel summen so vergnügt wie der britische Ernährungsminister, der jetzt die Popularität von Charlie Chaplin erreicht hat.

Zwölf Jahre lang haben sich die Engländer mit einer Wochenration von 60 Gramm Tee begnügen müssen. Nur wer die Engländer gut kennt, kann ermessen, welch großes Opfer ihnen damit auferlegt wurde. Die erste Tasse Tee des Tages trinkt man vor dem Aufstellen im Bett. Es gehört hier zu den Pflichten des Hausherrn, im Pyjama in die eiskalte Küche zu kriechen und das Teekochen zu besorgen. Ab und zu ruft die besorgte Hausfrau aus dem Schlafzimmer ihre Anweisungen: "Nimm nur einen Löffel, Jim! – Jim! Hörst du? Hast du die Kanne auch angewärmt?" Nachdem die Hausfrau ihre Tasse Tee im Bett getrunken hat, ist sie auf alle Mühen und Sorgen des Alltagslebens vorbereitet. Sie steht auf.

Eine halbe Stunde später gibt es Frühstück. Der normale Engländer trinkt während dieser englischen Hauptmahlzeit drei bis vier Tassen Tee. So gestärkt, kann er das naßkalte Londoner Klima bis elf Uhr ertragen. Um elf Uhr trinkt ganz England Tee. Der Zahnarzt hört auf zu bohren, nimmt seiner Sprechstundenhilfe das Teetablett aus der Hand und schenkt für sich und den Patienten ein. Im Schuhgeschäft verschwinden neun der zehn Verkäuferinnen vom Ladentisch in ein Hinterzimmer, wo ein Teekessel gellend pfeift und den Kunden anzeigt, daß sie mindestens zehn Minuten warten müssen, ehe die Bedienung wiederkommt. Die Lehrer eilen ins Konferenzzimmer zum Teetrinken. Zweifelsohne trinkt auch Mr. Churchill um diese Zeit Tee.

Nach dem Lunch um ein Uhr fragt der Oberkellner, ob Tee oder Kaffee gefällig sei. Nur Ausländer oder Verrückte (für den Engländer ist das ein Begriff) bestellen den Kaffee, der ein Aroma von Maggiwürfeln und Abwaschwasser hat. Gegen sechs Uhr wird in Millionen roten englischen Ziegelhäuschen der High Tea, die kombinierte Tee- und Abendbrotmahlzeit, serviert. Ein junger Mann, der hierzu weniger als vier Tassen Tee trinkt, ist ein Sonderling und hat keine großen Aussichten, geheiratet zu werden. Und kein waschechter Engländer kann runig schlafen, wenn er nicht um halb zehn vor den Zubettgehen eine anständige Tasse Tee verabfolgt bekommt. "Tee", sagt er, "beruhigt. Tee macht vergnügt." – "Tee", sagte der Ire Swift, "Tee ist verzaubertes Wasser." Nach Kaffee lechzende Deutsche bezeichnen den englischen Tee, der schwarz getrunken wird und nur 2,50 DM das Pfund kostet, als "Teegerberlohe". Selbst beim Tee sind die Briten keine Feinschmecker.

Im ersten Freudentaumel haben wir uns eine Rekordzahl Tassen Tee einverleibt. Der britische Enährungsminister aber hat diese Teetrunkenheit seiner Landsleute als günstige Gelegenheit benutzt, ihnen zu verkünden, daß Zucker, Butter, Fleisch, Käse, Eier und Schokolade wohl noch mehrere Jahre rationiert bleiben müßten. Er hat richtig kalkuliert. Seine Ankündigung hat die selig in Tee schwimmenden Insulaner nicht bedrückt. Wer demnächst vom Kontinent nach England kommt, wird merken, daß die Engländer viel vergnügter geworden sind: Das kommt vom verzauberten Wasser. Eric Orton