K. W. Berlin, Mitte Oktober

Fast eine Woche lang haben achtzig Synodei aus der Bundesrepubik und vierzig aus Berlin und der Sowjetzone in dem kleinen Harzstädchen Elbingerode zur vierten gesamtdeutschen Generalsynode zusammengesessen. Schon eine der vorangegangenen Generalsynoden hatte auf sowjetisch besetztem Gebiet getagt. Es ist aber kein Zweifel, daß die jüngste Tagung, so abgeschlossen sie im abgelegenen Diakonissen-Mutterhaus von Elbingerode auch vor sich ging, die spannungsschwerste aller bisherigen Kirchenversammlungen überhaupt gewesen ist.

Bezeichnend war, daß die Spannungen nicht aus der innerkirchlichen Problematik der in dieser Synode vereinigten evangelischen Bekenntnisse der Uniierten und der Reformierten erwuchsen, sondern aus der politischen Problematik.. Daraus nämlich, daß ein Teil der Kirche auf dem Boden eines totalitären Staates, lebt und der andere in einem Raum, der in eine militärische Organisation gegen die Bedrohung durch den Osten eingegliedert werden soll.

Die Vertreter der verschiedensten kirchlichen und kirchenpolitischen Meinungen, waren in Elbingerode versammelt: der Präsident des Rats der Evangelischen Kirche, Dibelius, der Pfarrer Niemöller, der Präses der Synode, Dr. Heinemann, der Bundestagspräsident Dr. Ehlers, der Vorsitzende des Evangelischen Kirchentages, Thadden-Trieglaff, Propst Grüber, der Beantragte bei der Grotewohl-Regierung, und auch Nuschkes Kirchenreferent Grünbaum. Obwohl das Thema der Synode "Die öffentliche Verantwortung der Christen" hieß, wurde selbstverständlich – schon der Veranstaltungsort legte dies nahe – mit beinahe betont kirchlicher Terminologie gesprochen. Die Frage: Widerstand oder Gehorsam, bezogen auf die Weisungen des Staates, hatte ihre theologischen Kontrahenten in dem Erlanger Professor Kuenneth und dem Berliner Theologen Fischer. Die Referate brachten keine Klärung und Gemeinsamkeit der Haltung, und die lange, mit vielen Argumenten vorgetragene Diskussion konnte sie auch nicht herbeiführen.

Remilitarisierung unter dem Aspekt der Evangelischen Kirche Gesamtdeutschlands war das eine Thema, das nicht zu Ende und nicht zu gültiger Formulierung gebracht werden konnte. Und wie verhält sich die Kirche oder der einzelne gegen die den religiösen Raum bedrängenden Ansprüche des Staates – das war die andere ohne Entscheidung gebliebene Frage in Elbingerode. Kam hinzu, daß die einen dafür plädierten, die Kirche habe heute als Institution, als moralisch-religiöse Macht aufzutreten und zu handeln, während die anderen die Autonomie des einzelnen, der Gemeinde forderten. Die Gemeinsamkeit der aus den drei Bekenntnissen des deutschen Protestantismus gebildeten Generalsynode ist in dem tagelangen Hin und Her der kirchlichen Meinungen nicht verlorengegangen. Auch die Begegnungen so verschiedenartig dynamischer Kräfte in der Kirche, wie Niemöller, Heinemann auf der einen und Ehlers auf der anderen Seite, hatte nicht die bisweilen befürchtete Sprengkraft. Der allen Richtungen übergeordnete Wunsch, die gemeinsame deutsche evangelische Kirche über die gegenwärtigen Staatsräume hinweg zu erhalten, verhinderte, daß aus gegenteiligen Meinungen organisatorische Konsequenzen gezogen wurden.

Zu den der Öffentlichkeit inzwischen bekanntgegebenen Entschließungen, dem Appell an die Staatschefs Amerikas, Englands, Frankreichs und der Sowjetunion sagten alle Synodalen ja. Das Verlangen nach einer ohne machtpolitische Hintergedanken vor sich gehenden Viererkonferenz mit dem alleinigen Ziele, Deutschland die Last der Entzweiung zu nehmen, kann heute am ehesten von der gesamtdeutschen Kirche ohne jede Voreingenommenheit erhoben werden. Und das Wort an die Gemeinden in Ost und West, das die Synode, das Parlament der Kirche gewissermaßen, am Ende ihrer Beratungen erlassen hat, kennzeichnet die große verantwortungsvolle Sorge für die im Osten bedrohte Freiheit und die im Westen sichtbar werdende Gleichgültigkeit gegen den Nächsten im Osten.