Falls es heuer nicht zu einem frühen und starken spätherbstlichen Kälte-Einbruch kommt, wird die Erwerbslosenzahl bis in den November hinein weiter rückläufig sein und den Stand von einer Million, der in diesen Tagen erreicht worden ist – die statistischen Angaben darüber liegen freilich im Moment noch nicht vor – merklich unterschreiten. Vorläufig wissen wir nicht, weil ja die Veröffentlichung der Beschäftigten-Statistik den Ereignissen noch stärker nachhinkt, als es die Anschreibungen über die Arbeitslosigkeit tun, ob der Rückgang hier einer Zunahme dort zahlenmäßig in etwa entspricht, oder ob, wie es bisher die Regel war, der Beschäftigungszuwachs erheblich stärker ausgefallen ist, als die Abnahme der Erwerbslosenziffer.

So bleibt uns, um das Phänomen der sich stetig und nachhaltig verringernden Arbeitslosigkeit zu erklären, die Wahl zwischen zwei Lesarten. Entweder ist es so, daß trotz aller Klagen über eine fortdauernde konjunkturelle Flaute tatsächlich doch eine relativ günstige (Beschäftigungs-) Konjunktur im Spätsommer und Frühherbst registriert werden kann. (Das wäre also dann anzunehmen, wenn die Mehrbeschäftigung noch über die für die gleichen Zeiträume nachgewiesene Abnahme der Erwerbslosenzahl hinaus gestiegen ist.) Oder aber: die Sache erklärt sich so, daß die Arbeitsämter in ihrer Vermittlungstätigkeit nun endlich stärker in den "Bestand" an Arbeitslosen eingreifen als bisher, und daß sie dabei bis zu jenem "Bodensatz" gelangen, der überwiegend aus "professionellen Erwerbslosen" besteht, – aus solchen also, denen nur am Bezug der Unterstützung gelegen ist, und nicht auch an der Vermittlung in Arbeit und Verdienst – sei es, daß sie sich bei irgendwelcher Schwarzarbeit besser stehen, sei es, daß sie eben (wie sich nun herausstellt) nicht "vermittlungsfähig" oder arbeitseinsatzfähig" sind. Das Ergebnis ist dann, daß bisherige Unterstützungsempfänger aus den Reihen der registrierten Arbeitslosen völlig ausscheiden, weil sie entweder die Aufnahme einer ihnen nachgewiesenen "zumutbaren" Arbeit verweigert haben, oder weil sich herausgestellt hat, daß ihnen überhaupt irgendwelche Arbeit nicht mehr "zumutbar" ist. So kann es dazu kommen, daß die Erwerbslosenziffer stärker abfällt, als es der Zunahme der Beschäftigten für den gleichen Zeitraum entspricht. Bisher war ja das Gegenteil der Fall, weil nämlich der Zugang an Beschäftigten nur zu einem geringen Teil aus dem Reservoir der Arbeitslosigkeit stammte, und sich im übrigen aus anderen Quellen ergänzte: durch Schulentlassene, Spätheimkehrer, Ostzonenflüchtlinge, Abwanderung aus selbständiger Berufstätigkeit und dergleichen.

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Wahrscheinlich ist es so, daß beide Fakten zu etwa gleichen Teilen an dem Ergebnis beteiligt sind, daß also die Konjunktur der letzten Monate besser war, als ihr Ruf, und daß gleichzeitig die längst fällige Bereinigung der Erwerbslosenziffern fühlbar eingesetzt hat. Wenn wir uns zunächst einmal an das letztgenannte Faktum halten, so würde das also bedeuten, daß die ausgewiesenen Veränderungen des Bestandes an Arbeitslosen künftig mehr und mehr ein echtes Barometer der saisonalen und konjunkturellen Beschäftigung abgeben könnten – was bisher eben nicht der Fall war, weil der Erkenntniswert dieser Ziffern getrübt (oder verfälscht) war, durch die sehr erheblichen, aber jeweils nicht gleichzeitig "nachgewiesenen" sonstigen Zugänge ins Beschäftigtenverhältnis und durch die gar nicht nachweisbaren Zugänge von effektiv Arbeitsunfähigen zu Zahl der als arbeitslos Gemeldeten und Unterstützten. Wenn trotzdem die Beschäftigtenstatistik, trotz der stolzen Erfolgsziffern für die im Laufe der letzten vier Jahre eingetretenen Mehrbeschäftigung in der gewerblichen Wirtschaft, (also Industrie, Handel und Verkehr, Handwerk – bei gleichzeitigen Rückgängen für Landwirtschaft und öffentliche Dienste,) im allgemeinen Urteil sehr viel weniger beachtet worden ist, als die Erwerbslosenziffer, mit ihrem (saisonbedingten) starken Ausschlägen nach oben und unten: so liegt das wohl vornehmlich an dem dramatischen Auf und Ab dieser halbmonatlich veröffentlichten Kurve, das die Phantasie der Menschen stärker anspricht, als die stetiger verlaufende Linie der nur in Quartalsergebnissen vorliegenden Beschäftigtenzahl. Daneben mag eine gewisse "künstliche"Dramatisierung der Erwerbslosenstatistik ("Massenarbeitslosigkeit gleich zunehmende Verelendung) eine gewisse Rolle gespielt haben. Die öffentliche Meinung hat eben nicht gewußt, oder nicht zur Kenntnis nehmen wollen, in welchem Maße die Erwerbslosenzahl bisher künstlich überhöht worden war: durch Einrechnung von Schwarzarbeitern, durch Abschieben von "Wohlfahrtsempfängern" aus der kommunalen Fürsorge zu den Arbeitsämtern, und durch die Unterstützung von Männern, Frauen und Jugendlichen, die entweder nach halbjähriger Beitragspflicht zur Arbeitslosenversicherung "auch wieder etwas von ihrem Geld heraushaben wollen", und sich deshalb ohne Not (aber in der sicheren Voraussicht, daß ihnen keine zumutbare Beschäftigung rachgewiesen werden könnte) arbeitslos meldet – oder die "an sich" bereits versorgt sind, z. B bei nachgewiesener Invalidität als Empfänger von Bezügen aus der Rentenversicherung oder der Unterhaltshilfe, trotzdem aber vom Arbeitsamt, nach den dort geltenden abweichenden Bestimmungen, als "arbeitsfähig" angesehen werfen müssen, und somit dort Arbeitslosenunterstützung erhalten.

Es fehlt in letzter Zeit nicht an Anzeichen dafür, daß die Dinge neuerdings etwas realistischer gesehen werden. So zunächst zum Thema "Dramatisierung der Arbeitslosigkeit": an der gleichen Stelle, wo noch vor Jahresfrist ein hamburgischer Senator als Mindeststand der "seit der Geldreform(!) ansteigenden Arbeitslosigkeit" die Zahl von 1,3 Millionen benannte und "neue Einbrüche in die Produktionskapazität(?) und somit ein weiteres Steigen der Arbeitslosigkeit" erwartete, falls es nicht zur Stahllenkung nach Friedrichs Rezepten käme – an der gleichen Stelle war neuerdings zu lesen, daß bereits Facharbeitermangel bestehe, bei gleichzeitiger erheblicher Dauerarbeitslosigkeit in bestimmten Bezirken, und daß dieser Mangel zu katastrophalen Folgen führen müsse, wenn eine neue Wehrmacht vielleicht demnächst einige hunderttausend Autoschlosser und Mechaniker an sich ziehen werde ... Nun sind wir es ja gewohnt, daß irgendwelche Katastrophen in nahe Aussicht gestellt werden; diesmal aber geht das gewohnte Spiel denn doch etwas zu weit: weil ja, wie sich bei nüchterner Überlegung ergibt, der Bedarf neu aufzustellender Truppenverbände eigentlich nur günstige Folgen: für den Arbeitsmarkt haben kann – auch unter dem Gesichtspunkt, daß vollmotorisierte Verbände ihren Angehörigen eine zusätzliche technische Schulung vermitteln, also den Ungelernten zum Angelernten, den Facharbeiter zum Spezialisten hinaufqualifizieren können ... Und was die Dauerarbeitslosigkeit in bestimmten Bezirken (nämlich vorwiegend den Flüchtlingsländern) angeht, so ist neuerdings festgestellt worden, daß unter den seit mehr als einem Jahr erwerblosen Frauen gerade noch 2 v. H. vorhanden sind, die voll und nach überallhin vermittlungsfähig sind, und insgesamt 20 v. H., die am Ort vermittelt werden können. Die restlichen 80 v. H. aber sind überaltert oder sonst in irgendeiner Weise behindert, sind völlig ungeschult oder arbeitsentwöhnt, und 5 v. H. der Gesamtzahl entfallen auf asoziale Elemente – auf den "Bodensatz" also, den es ja auch überall gibt, von dem zu sprechen aber offenbar einen Verstoß gegen die gute Sitte, gegen Konvention und Brauchtum darstellt ...

Dazu muß man wissen, daß neuerdings mehr als die Hälfte der insgesamt gemeldeten Erwerbslosen schon ein Jahr oder mehr ohne Arbeit sind, nämlich 54 v. H. Wenn es Präsident Scheuble binnen Jahr und Tag erreichen könnte, daß nur die Arbeitsfähigen als erwerbslos gemeldet und unterstützt werden – wie es ja eigentlich selbstverständlich sein sollte – so würden wir im Herbst 1953 vielleicht noch 400 000 Arbeitslose, vielleicht auch weniger, zu verzeichnen haben, bei einer Zunahme der Beschäftigtenzahl um etwa 400 000, je zur Hälfte durch Zugänge aus der Erwerbslosigkeit und aus sonstigen Reserven bedingt. Wer sich diese Zahlen recht vor Augen hält, wird nicht mehr daran zweifeln, daß wir jetzt tatsächlich den Anschluß an den Status der Vollbeschäftigung erreicht haben. Das bedeutet aber erfreulicherweise noch nicht Arbeitermangel: weil nämlich da, wo Facharbeiter fehlen, die Nachwuchsschulung nun verstärkt einsetzen wird, und weil Nichtspezialisten in den Reihen der anderweit Versorgten noch reichlich zur Verfügung stehen. Bei wirklich dringlichem Bedarf nämlich werden die Betriebe wieder auf das Reservoir der Altgedienten und der beschränkt Einsatzfähigen zurückgreifen können. Je stärker die Nachfrage ist, um so eher werden irgendwelche Bedenken wegen mangelnder Vermittlungsfähigkeit überwunden, auf beiden Seiten übrigens, und irgendwelche Schwierigkeiten, die einem "Arbeitseinsatz" entgegenstehen, durch technische oder organisatorische oder finanzielle Aushilfen überbrückt. Je weniger Arbeitslose in einem bestimmten Bereich verfüglich sind, um so größer ist also die Chance der "beschränkt Vermittlungsfähigen", und um so geringer wird ihr prozentualer Anteil an der Gesamtzahl der Erwerbslosen des betreffenden Bezirks. Das ist die prima vista verblüffende (zugleich auch tröstliche) Einsicht, die uns die Erhebungen des Soziographischen Instituts an der Universität Frankfurt vermittelt haben: eine gute Nachricht für alle, die bisher noch ohne Arbeitsplatz geblieben sind!

Und nun noch ein Wort zur Konjunktur, von der wir also meinen, daß sie in den letzten Monaten doch besser gewesen sei als ihr Ruf ... Übrigens: wie hätte sie noch viel besser gewesen sein können, als sie ohnedies schon gewesen ist – wäre dann nicht eine noch viel stärkere Einfuhr an Kohle und an Walzstahl erfolgt, die wir schon rein devisenmäßig kaum hätten verkraften können? Wir sollten doch dankbar anerkennen, daß von beiden Seiten her eine Normalisierung erfolgt ist: bei den Verbrauchsgütern ein Wiederanstieg der Umsätze, der Aufträge, der Produktion, und bei den Investitionsgütern ein; Nachlassen der Übernachfrage, so daß das Marktgeschehen nicht mehr so ausschließlich unter dem Diktat der Engpässe steht, wie bisher ... Verzichten wir für heute auf eine Aufzählung dieser oder jener einzelner Wirtschaftsdaten, die unsere Auffassung stützen könnten, wonach "die Wirtschaft" insgesamt bei der relativ guten und anhaltenden Beschäftigungs-Konjunktur gar nicht so schlecht fährt, und bleiben wir beim Grundsätzlichen, und zwar mit einem Zitat aus dem "Statist", der sich Ende September recht ausführlich mit der Frage beschäftigt hat, ob eine Depression in Deutschland bevorstehe. Der Artikel schließt mit den Worten: "Alles zusammengenommen, ist es doch wohl so, daß die Feststellung im Bericht der BdL über die Wirtschaftslage im August, wonach die wirtschaftliche Situation grundsätzlich auch weiterhin durch günstige Entwicklungstendenzen charakterisiert sei, nur als Understatement bezeichnet werden kann." Als Untertreibung also! Nun, das ist eine Auslandsstimme, die wir nicht unbedingt als hundertprozentig objektiv zu werten brauchen. Aber einigen Anlaß zum Nachdenken sollte sie uns ja doch wohl geben ... Erwin Topf